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Alte Fasnacht im Mai – Thilo Sarrazin in Luzern

In London war er in gediegenen Kreisen wenig erwünscht, in Luzern hingegen soll er zur Zeit der Eisheiligen auftreten.

15. Februar 2011

Wie der Zufall so spielt – innert knapp einer halben Stunde zwei Neuigkeiten zu Thilo Sarrazin, ehemaliger SPD-Bundesbanker, Verfasser eines Bestsellers, bei dem er sich auf rassistisch unterlegte Annahmen stützt und die er mit vielen Statistiken und Zahlen zu belegen versucht. Am Morgen tröpfelt zuerst die Meldung ein, Sarrazin werde Mitte Mai im KKL Luzern auftreten, kurze Zeit später die Info, dass Sarrazin in London heftig unerwünscht gewesen sei. Nicht bei Linken oder Grünen (das wohl auch), sondern bei den StudentInnen der London School of Economics. Zuerst gab es Proteste, Sarrazins Thesen zur Integration würden nicht zum Geiste der Schule passen, dann wurde der Auftritt in einem Hotelsaal verlegt und beim Auftritt Sarrazins betrat ein Student die Bühne und lieferte sich mit diesem ein Streitgespräch und nannte ihn auch einen „Faschisten“. Für diese letzte Behauptung wird sich allerdings der Wahrheitsbeweis wohl nicht erbringen lassen.

Werden in Luzern nun vielleicht auch StudentInnen dem Sarrazin die Leviten lesen oder zu lesen versuchen? Wohl kaum. Sarrazin tritt am Freitag, 13. Mai am SwissMediaForum auf, an dem verschiedenen ReferentInnen und auch FDP-Bundesrat Johann Schmid-Ammann auftreten sollen. Der Eintritt kostet 890 Franken, inklusive einem „Dinner“ im Casino. Eingeladen sind „Opinion Leaders aus Medien, Wirtschaft und Politik“. Die Einladung ist persönlich und kann – im Verhinderungsfall – nur an eine „Ersatzperson abgegeben werden, die die Teilnahmebedingungen“ erfüllt. Man will eben unter sich bleiben.



Sarrazin soll nicht einen Vortrag halten, sondern ein Interview geben. Thema: „Aufmerksamkeit durch Provokation“. Noch nicht publik ist, wer Sarrazin interviewen soll. Erster Verdächtiger ist Patrik Müller, Chefredaktor der Sonntagszeitung „Sonntag“, ein Produkt des Aargauer Verlegers Peter Wanner. Müller sitzt im Verwaltungsrat der Organisatorin SwissMediaForum AG, Baden und hat sich als „Initiant“ der Tagung in Szene setzen lassen. Die Organisation basiere im übrigen “auf einer unternehmerischen, technologiefreundlichen, positiv-zukunftsgerichteten und der Ethik verpflichteten Grundhaltung”. Welcher Ethik wird allerdings nicht erwähnt, aber angenehm für Gutsituierte und andere LiebhaberInnen neoliberaler Ansätze wird sie sicher sein.

Der interessierte Zeitgenosse aber fragt sich, warum denn immer wieder Sarrazin – haben denn die „Opinion Leaders“ dessen Thesen nicht bereits vor Monaten zur Kenntnis genommen. Warum also nochmals Sarrazin, verspätet wie die Alte Fasnacht? Warum nicht beispielsweise die Politologin Naika Foroutan, Forscherin an der Berliner Humbolt-Universität? Sie hat – zusammen mit mehreren MitarbeiterInnen – die vielen Zahlen und Statistiken in Sarrazin Buch überprüft und dessen Schlussfolgerungen weitgehend widerlegt (PDF siehe unten). Warum also Sarrazin? Ein Hinweis findet sich bei Naika Foroutan. Sie stellt die Frage, ob Sarrazin symptomatisch sei, „für jenen Teil der deutschen Gesellschaft, die derzeit mit dem Begriff „Wutbürger“ charakterisiert wird: Bürgerlich, konservativ und besserverdienend mit einer starken Tendenz zur Entsolidarisierung.“