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Schreiben ausländische Journalisten einmal über die Schweiz,
sind die falschen Klischées nicht weit. Zum Beispiel bei
Gerd Zitzelsberger, Schweiz-Korrespondent der "Süddeutschen
Zeitung", der auch über die Verhinderung einer SVP-Kundgebung
am 6. Oktober 2007 durch jugendliche Linke, vornehmlich Autonome
berichtete. Nicht nur, dass er in der Randale gleich einen "Bürgerkrieg
in Bern" sehen will. (Der Mann weiss offensichtlich nicht,
was Krieg ist.) Einen solchen "Ausbruch von Hass und Gewalttätigkeit",
fabuliert Zistelsberger weiter, habe "man bislang nur aus anderen
Ländern" gekannt.
Denkste!
Auch in der Schweiz gibt es eine Tradition der Randale. Bauernkundgebungen
sind zwar selten, aber ausgeprägt aggressiv, bis hin zur versuchten
Stürmung des Bundeshauses in Bern. Jugendunruhen, vor allem
in Zürich, aber auch in Bern, erschreckten die Bürgerlichen
mehrmals, um 1968 die Globus-Krawalle/Zürich, ab 1980 monatelang
die Zürcher Bewegung (Motto Züri brännt/Zürich
brennt). Seit vielen Jahren, ebenfalls in Zürich, gibt es am
1. Mai die "Nachdemo", eine Art 3. Halbzeit der Autonomen.
In Bern sorgen Antifaschistische Spaziergänge, die über
1000 Menschen mobilisieren können, für aufgeregte Rechtsbürgerliche.
Regelmässig ist auch der militante Unmut über die das
World Economic Forum WEF. Auch bei der letzten SVP-Wahlkundgebung
anno 1995 versuchten Autonome und Linke vorzudringen, wurden von
der Polizei gestoppt. Aus der SVP-Kundgebung heraus lösten
sich damals Rechtsextreme und warfen im Rücken der Polizei
gegen die Gegendemonstranten.
Die Schweiz ist kein exotisches Land mit idyllischen Zuständen.
Im Gegenteil.
Es gehe "den Schweizer doch gut", behauptet Zitzelsberger
jedoch weiter. Für eine Mehrheit trifft dies sogar zu, doch
eine wachsende Minderheit - vornehmlich AusländerInnen mit
geringen beruflichen Qualifikationen, Alleinerziehende Mütter
etc. - wird wirtschaftlich an den Rand gedrückt. Die Arbeitslosenzahl
ist zwar gerade im September auf unter 100'000 (Quote: 2,5 Prozent)
gesunken. Doch die Statistik verharmlost auch hier die Realität:
Menschen, die den Anspruch auf Arbeitslosengeld verloren haben,
werden nicht mehr erfasst. Offiziell auf Stellensuche waren über
150'000. Dazu kommt, dass die Zahl der Sozialhilfe-Bezüger
in allen grossen städtischen Agglomerationen seit 2000 tendenziell
zugenommen hat. Gleichzeitig sind die Mittel gekürzt worden
und das Existenzminimum um rund 100 Franken monatlich gesenkt worden.
Auch das jetzig konjunkturelle Hoch, das schon rund zwei Jahre andauert,
hat diese Zahl nur wenig sinken lassen. Auch die Schweiz kennt eine
Sockelarbeitslosigkeit, die von den Statistiken nicht erfasst wird.
Es ist diese Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg, den die SVP
politisch bewirtschaftet.
Auch im Land des Käses, der Banken und der Finanzdienstleistungen
betreiben Bürgerliche Mehrheit und Wirtschaft einen Prozess
der Umverteilung von unten nach oben. Ein Prozess, der sich in den
letzten zwei/drei Jahren beschleunigt hat, sowohl in der Wirtschaft
wie in der Politik. In der Wirtschaft führt die Umverteilung
zu gestiegenen Kapitalerlösen und zu steigenden Löhnen
für die obersten Kader. Spitzenreiter hier Daniel Vasella,
Chef des Pharmakonzerns Novartis, der über 20 Millionen Franken/rund
13 Millionen Euros jährlich auf sein persönliches Konto
schieben kann. In der Politik konnten die bürgerlichen Mehrheiten
neue Steuergesetze durchsetzen, die die Besserverdienenden erheblich
entlasteten. Die sinkenden Staatseinnahmen werden unterem anderem
mit Sparprogrammen ermöglicht, die häufig bei Sozia- und
Bildungsausgaben Einschnitte vorsehen. Vor kurzem hat die Boulevardzeitung
"Sonntagsblick" auch noch enthüllt, dass die Landesregierung
in Erwägung zieht, in den kommenden Jahren im sozialen Bereich
rund fünf Milliarden Franken einzusparen. Die Umverteilung
soll also weitergehen. Den Linken und Grünen ist es bis anhin
nicht geglückt, diese Themen in den Wahlkampf einzubringen.
Dies alles gehört zum gesellschaftlichen und politischen Hintergrund,
vor dem sich in diesem Herbst der Wahlkampf für die beiden
Kammern des Schweizer Parlaments abspielt. Wie der Verteilungskampf
härter geworden ist, ist es auch die politische Auseinandersetzung.
Verschärft hat das Klima insbesondere die Schweizerische Volkspartei
SVP, die zwar von einem Milliardär/Unternehmer angeführt
wird, sich jedoch als Vertreterin der gebeutelten Lohnabhängigen
und Gewerbetreibenden aufspielt. Seit Christoph Blocher in der einstigen
Klientelpartei für Bauern und Gewerbe, als starker Mann den
politischen Takt vorgibt, das heisst seit über zwanzig Jahren
verunglimpft sie missliebiger Personengruppen und politische Gegner.
Bereits in den Achtziger Jahre bezeichnete sie Linke und Grüne
als "Filzläuse". Mit diesem Politstil hat die Partei
immer wieder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und insbesondere
auch der Medien gefunden.
In diesem Wahljahr trieb es die SVP aber inhaltlich besonders derb
und materialmässig überbordend. Seit Monaten überzieht
sie das Land mit einer kostspieligen Inserate- und Plakatflut. Wer
die Geldgeber sind, ist allerdings nicht bekannt. Im Visier der
SVP sind Ausländern, die gerne als "Sozialschmarotzer"
hingestellt werden, die die "Schweizer Sozialwerke", insbesondere
die Arbeitslosen- und die Invalidenversicherung, gefährden
würden. Auf Plakaten und Inserate kicken drei weisse Schafe
ein Schwarzes Schaf über die Grenze, versehen mit dem Text
"Sicherheit schaffen". Die Kampagne dient der Propagierung
einer "Volksinitiative für die Ausschaffung krimineller
Ausländer". Die Initianten behaupten, das Volksbegehren
richte sich nur gegen "Ausländer, die in unserem Land
schwere Verbrechen" begangen hätten, doch zu diesen angeblich
schwer kriminellen Taten zählen sie auch den "missbräuchlichen"
Bezug von Leistungen der Sozialversicherungen oder der Sozialhilfe.
Eine Annahme brächte unter anderem eine Sippenhaftung, da jeweils
ganze Familien - unabhängig von ihrer Aufenthaltsdauer - des
Landes verwiesen werden könnten. Der UNO-Berichterstatter gegen
Rassissmus Dodou Diène hat gegen dieses Plakat offiziell
bei der Schweizer Regierung protestiert, es provoziere "Religions-
und Rassenhass". Das SVP-Plakat hat deutsche Rechtsextremisten
inspiriert, die NPD-Hessen hat das Plakat übernommen.
Die "Schwarze Schaf"-Kampagne ist nicht die einzige die
sich gegen Minderheiten richtet. "Der Bau von Minaretten ist
verboten", fordert eine weitere Volksinitiative von SVP-Exponenten,
die Partei will ihre offizielle Stellungsnahme erst nach den Wahlen
abgeben. In der Öffentlichkeit beschwören die Initianten
um Ulrich Schlüer, SVP-Parlamentarier und Herausgeber des Hetzblattes
"Schweizerzeit", sie würden die Glaubensfreiheit
nicht antasten, nur sei eben ein Minarett "Symbol eines "religiös-politischen
Machtanspruchs". Auf dem Initiativbogen steht dann allerdings
deutlich: Wenn man die "christlich-abendländische Kultur
stärken" wollen, müsse man "die Ausbreitung
des Islam bremsen". Ein Exponent der Initianten, Mitglied der
fundamentalistisch-christlichen Eidgenössisch Demokratischen
Union EDU, hat denn auch behauptet: "Der Islam ist keine Religion,
sondern eine Kriegserklärung an die christliche und andersgläubige
Welt."
Aussergewöhnlich war die Zuspitzung des Wahlkampfes auf eine
Person, auf Christoph Blocher nämlich. Der "Spiegel"
bezeichnet ihn zutreffenderweise als "Alleskleinhacker",
eine Anspielung darauf, dass der Justizminister das berühmte
Gemälde "Der Holzfäller" von Ferdinand Hodler
in seinem Büro hängen hat. Wie einst Margaret Thatcher
und Ronnie Reagan will er den Staat - insbesondere den Sozialstaat
- abbauen. Linke und Grüne sind dem Sohn eines evangelischen
Pfarrers des Teufels, wie auch die Europäische Union EU und
andere internationale Gemeinschaften. Von Rechtsextremisten wollte
und konnte sich Blocher - wie übrigens auch die ganze Partei
- nie glaubwürdig abgrenzen. Bis zum Ende der südafrikanischen
Apartheid gehörte Blocher zu den aktiven Verteidigern des rassistischen
Regimes. Wie viele andere Schweizer Bürgerliche auch: Die Schweizer
Grossbanken, die Schweizer Regierung wie auch die bürgerliche
Parlamentsmehrheit (SVP, CVP, FDP) missachteten jahrzehntelang den
UNO-Boykott.
Der 67jährige Blocher, der eine für die bourgeoise Schweiz
der Nachkriegszeit exemplarische Karriere (Unternehmer, Offizier,
Bürgerlicher Politiker) hinlegte, liebt es, sich in der Rolle
des Unterdogs/des Staatskritikers zu inszenieren. In den vergangenen
Wochen verbreitete er und seine Partei, dann eine Verschwörungsmär,
es gebe einen "Geheimplan" zu seiner Abwahl, als ob eine
Regierungsmitglied nicht auch wieder abgewählt werden dürfte.
Die SVP klebte in grossen Mengen im ganzen Land Plakate "Blocher
stärken! SVP wählen!". Eine solche personenzentrierte
Kampagne war bereits einmal erfolgreich: Bei der Volksabstimmung
über die neuen Asyl- und Ausländergesetze (im Herbst 2006)
habe vor allem der Einsatz von und die Berufung auf Blocher die
Auseinandersetzung entschieden, ergaben die regelmässigen Analysen
der Abstimmungsforscher. Die Schweiz hat heute wohl das härteste
Asyl- und Ausländerrecht in Europa.
Fazit: Der Wahlkampf wurde dieses Jahr aussergewöhnlich hart
geführt, die politischen Verschiebungen werden jedoch gering
sein. Die neuesten Umfragen sehen weiterhin die SVP als stärkste
Partei, rund 27 Prozent, vor vier Jahren waren es 26.7 Prozent gewesen.
Insgesamt werden die bürgerlichen Parteien (SVP, Freisinnig-Demokratische
Partei FDP, Christlich-Demokratische Volkspartei CVP und einige
Kleinparteien) geringe Verluste einfahren, die Sozialdemokraten,
vor vier Jahren mit 23 Prozent zweitstärkste Partei, und die
Grünen werden zusammen geringfügig zulegen - die Verluste
der SP werden die Gewinne der Grünen sein. Und noch etwas:
Die Wahlbeteiligung wird auch dieses Jahr kaum 50 Prozent erreichen,
das Schweizer System der Volksabstimmungen ermöglicht es, besonders
missglückte Gesetzesvorlagen an der Urne wieder abzulehnen.
Auch für Regierung und Parlament verlorene Abstimmung führen
jeweils kaum zu Rücktrittsforderungen. Der Bundesrat/die Landesregierung
wird rund sieben Wochen nach den Wahlen durch das neu gewählte
Parlament bestimmt werden. Es wird weiterhin eine grosse Koalition
sein, bestehend aus SVP, SP, FDP und CVP.
Hans Stutz
Luzern, 15. Oktober 2007, geschrieben für eine deutsche Zeitung,
dort stark gekürzt erschienen.
Alle Rechte beim Verfasser.
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