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"Ich kenne eine Familie aus dem Kosovo, die
seit Jahren hier lebt und eingebürgert ist. Sie ist muslimisch
und sucht derzeit in der Region Baden eine Wohnung. Vergebens. Ein
Vermieter sagte am Telefon unverblümt: "Wir nehmen keine
Muslime.""
Patrik Müller, Chefredaktor Sonntag, 30. März 2009
Der 2009 erstmals veröffentlichte Bericht "Rassismusvorfälle
in der Beratungspraxis" gibt - allerdings für das Jahr
2008 - einen Hinweis auf den Diskriminierungswillen innerhalb der
Schweizer Gesellschaft. Der Bericht fasst die Erfahrungen folgendermassen
zusammen:
1. Rassistische Diskriminierung findet in allen Lebensbereichen
und in allen Kantonen statt.
2. Rassismus, Fremden- und Ausländerfeindlichkeit stellen ein
gesamtgesellschaftliches Problem dar. Verwaltungsstellen und Polizei,
Private, Unternehmen, rechtsextreme Gruppierungen sowie anonyme
Personen im Internet werden von den Betroffenen als Täter genannt.
3. Rassistische Diskriminierung erfolgt oft verbal, ist unter Umständen
mit Gewalt verbunden, kann aber auch durch Schrift, Ungleichbehandlung
oder Verweigerung von Dienstleistungen geschehen.
4. Am meisten von rassistischer Gewalt betroffen sind Menschen dunkler
Hautfarbe. Personen aus Südosteuropa sind häufig Benachteiligungen
im Bereich Freizeit und Gastgewerbe ausgesetzt. Auch Personen aus
mitteleuropäischen Ländern wie Deutschland, Dänemark
oder Italien fühlen sich in der Schweiz aufgrund ihrer Nationalität
diskriminiert, oft im Umfeld von Arbeit oder Schule.
5. Die meisten Personen, die sich bei den Beratungsstellen meldeten,
waren Schweizer Bürger und Bürgerinnen oder bereits niedergelassene
Ausländerinnen und Ausländer.
6. Deutlich mehr betroffene Männer als Frauen fanden den Weg
zu einer der Beratungsstellen.
7. Mehr Vorfälle ereignen sich im städtischen Umfeld,
respektiv diese Fälle wurden häufiger den Beratungsstellen,
die in der Stadt angesiedelt sind, gemeldet.
Kritik internationaler Organisationen
Wie in den vorangegangenen Jahren erntete die Schweiz 2009 einiges
an Kritik internationaler Organisationen für ihre Politik gegenüber
Ausländern und Minderheiten, wie in den vorangegangenen Jahren
verwahrte sich die ebenfalls kritisierte SVP gegen die "Einmischungen
dieser Art in unsere innerstaatlichen Angelegenheiten", so
gegen den Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus
und Intoleranz (ECRI). Dieser kritisierte Probleme "der direkten
Diskriminierung aus rassistischen Gründen beim Zugang zu Beschäftigung,
Wohnungen, Gütern und Dienstleistungen, insbesondere Kfz-Versicherungen,
und in anderen Bereichen, so z. B. der Einbürgerung durch Direktdemokratie".
Der Bericht prangert aber auch die SVP an, deren politischer Diskurs
"in den letzten Jahren einen rassistischen und fremdenfeindlichen
Ton" angenommen habe. Er erwähnt insbesondere "wiederholte
Angriffe gegen die Grundrechte von Ausländern und gegen das
Verbot von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit seitens SVP-Mitgliedern".
Der Bericht anerkannte zwar auch, dass die Schweiz in den vergangenen
Jahren einige Anstrengungen unternommen habe, sei es durch das neue
Ausländergesetz, das Bedingungen schaffen solle, "welche
die Chancengleichheit und die Mitwirkung von Ausländern am
öffentlichen Leben" fördern. Er hielt aber auch fest:
"Eine Reihe von Quellen weisen darauf hin, dass afrikanische
Menschen Ziel rassistischer Beschimpfungen und eines rassistischen
Profiling seitens der Polizei werden. Dieser Problem wirkt sich
offensichtlich auch auf andere Personen aus, die sichtbar ausländischer
Abstammung sind."
Auch Amnesty International hatte in ihrem Länderbericht 2009
festgehalten: "Immer wieder trafen Misshandlungsvorwürfe
gegen Polizeikräfte ein. Der CERD äusserte sich besorgt
über den exzessiven Einsatz von Gewalt durch Polizisten, vor
allem gegenüber Schwarzen." Die Menschenrechtsorganisation
kritisierte weiter, dass die Gesetzgebung "keinen wirksamen
Schutz gegen Diskriminierung" biete. Und weiter: "Restriktive
Gesetze verletzten weiterhin die wirtschaftlichen, sozialen und
kulturellen Rechte von Asylsuchenden und Migranten ohne regulären
Aufenthaltsstatus, von denen viele in extremer Armut lebten. (
)
Abgewiesene Asylsuchende waren weiterhin vom ordentlichen Sozialhilfesystem
ausgeschlossen, was Marginalisierung und bittere Armut zur Folge
hatte."
Rassismus gegen Schwarze
Georg Kreis, Präsident der Eidgenössischen Kommission
gegen Rassismus EKR, hat schon vor Jahren zu Recht festgehalten:
"Die schwarzhäutigen Menschen fühlen sich in der
Schweiz - nicht zu Unrecht - am Ende der Betreuungsskala der verschiedenen
Schutzgrössen, derweil ihre Schutzbedürftigkeit, wenn
man das überhaupt so feststellen und gegeneinander abwägen
kann, doch die grösste ist." Aber auch in den vergangenen
Jahren ist der Rassismus gegen Schwarze nur selten in einer grösseren
Öffentlichkeit thematisiert worden.
Fakt ist: Personen schwarzer Hautfarbe werden unabhängig von
ihrer Staatsangehörigkeit Opfer vielfältiger Diskriminierung,
sei es nun die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt, die mangelnde
Präsenz von Schwarzen im Bereich der Medienschaffenden (insbesondere
am Bildschirm), seien es vermehrte Kontrollen auf den Strassen und
in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die von der Mitnahme auf
den nächsten Polizeiposten über die Anweisung, sich nackt
auszuziehen bis hin zu verbalen und physischen Aggressionen alles
beinhalten. Der Gemeinschaft der Schwarzen gelingt es selten, die
erlittenen Diskriminierungen zum Thema in den Massenmedien zu machen.
Muslimfeindschaft
"Regelrechte Anfeindungen erfährt sie zum Beispiel
an der Bahnhofstrasse, wo sie in die Schaufenster guckt, dabei den
Schleier festhält, damit der nicht so flattern kann im Wind.
Er ist inzwischen ganz feucht vom Atmen. "Säg emol, gaats
äigentli no?", raunt ein Herr in dunkelblauem Mantel.
Grüppchen in Bürokluft sagen Sachen wie: "Das ist
jetzt so eine." Oder: "Hämmer öppe scho Fasnacht
oder was?" Andere lachen sie aus. Zwei schnittige Banker etwa,
die vor einem Café rauchen. Das Ekligste: Zwei Typen mit
säuberlich gegeltem Haar. "Hello", raunt der eine
beim Vorbeigehen, der andere schnalzt, streift dabei ganz leicht
den Schleier. Burka tragen - in der Schweiz heisst das verhüllt
sein und doch ausgesetzt. (
) Burka tragen macht mich traurig.
Und spätestens nach dem Tomatenkaufen aggressiv. Als eine auf
der Rolltreppe ausrastet und herumschreit: Die ist ja das
Allerletzte, die soll sich hier anpassen, die sollte man einsperren.'
Es ist keine Randständige und auch keine Irre."
Die Journalistin Carola Koch berichtet über ihre Erfahrungen
als Trägerin einer Burka. NZZ am Sonntag, 10. Januar 2010
In den vergangenen Jahren sind fast überall in Europa Muslime
ins Visier der Fremdenfeinde und Rassisten geraten. "Viele
europäische Muslime sind - unabhängig von ihrer ethnischen
Herkunft und ihrer Einstellung zur Religion - Diskriminierungen
in den Bereichen Beschäftigung, Bildung und Wohnungswesen ausgesetzt",
lautet eines der wesentlichen Ergebnisse einer Studie, die die Europäische
Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit EUMC
bereits Ende 2006 veröffentlichte. Die Diskriminierung von
Muslimen könne sich auf islamophobe Einstellungen wie auch
auf rassistische und fremdenfeindliche Ressentiment berufen, da
diese Elemente häufig miteinander verwoben seien. Feindseligkeit
gegenüber Muslimen müsse deshalb im allgemeineren Zusammenhang
von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gegenüber Migranten
und Minderheiten gesehen werden.
In der Schweiz politisieren vorwiegend ExponentInnen der nationalkonservativen
Bewegung und christlich-fundamentalistischer Gruppierungen breitenwirksam
und kontinuierlich gegen "den Islam" und gegen Muslime.
Zwar ist Muslimfeindschaft auch in der rechtsextremistischen Szene
ein fester Bestandteil der Ideologie, doch deren gesellschaftlicher
Einfluss ist weiterhin marginal.
"Bei
dieser Initiative geht es um nichts ausser Verunglimpfung."
Marlies
Bänziger, Sie waren eine der wenigen linken Politikerinnen,
die frontal gegen die Minarettverbotsinitiative gekämpft haben,
etwa auf Podien mit Chefminarettgegner Ulrich Schlüer. Konnte
er Sie ein bisschen überzeugen?
Marlies Bänziger: Nein. Irgendwann sagte ich zu ihm: Stopp!
Das ist doch bireweich!' Ich forderte ihn auf, mir offen zu sagen,
worum es ihm wirklich geht. Er sagte dann: Scharia'. Ich sagte:
Diese steht bei der Initiative nicht zur Diskussion.' Er sagte:
'Islam'. Ich sagte: Steht nicht zur Debatte. Bei der Minarettinitiative
geht es um die Definition eines Turms neben einem Glaubensgebäude.'
Schlüer zuckte bloss mit den Schultern. Das machte mir klar:
Bei dieser Initiative geht es um nichts ausser Verunglimpfung.
Interview in WochenZeitung, Dezember 2009
1'534'054 Stimmberechtigte
schrieben Ende November 2009 "JA" auf den Abstimmungszettel,
das waren 57,5 Prozent der Stimmenden bei einer Stimmbeteiligung
von 53,4 Prozent. Sie befürworteten eine neue Bestimmung in
der Bundesverfassung: "Der Bau von Minaretten ist verboten".
Die spätere Befragung der Stimmenden (VOX-Analyse) ergab, dass
Stimmende, die der Linken und den Grünen angehören oder
nahestehen, die Initiative grossmehrheitlich ablehnten, Stimmende
der bürgerlichen Mitte wie auch der (bürgerlichen) Rechtsaussenparteien
der Initiative hingegen massiv zustimmten. Die bürgerlichen
Mitte-Parteien hatten die NEIN-Parole herausgegeben. Sie hatten
aber - mit Ausnahme der Freisinnig Demokratischen Partei FDP - weitgehend
auf einen Abstimmungskampf verzichtet. Nach Geschlecht, Alter und
Religion (reformierte oder katholische Christen) gab es kaum Unterschiede
im Abstimmungsverhalten, jedoch nach der formalen Bildung - je mehr
Ausbildung desto geringer die Zustimmung. Auch Religionslose lehnten
die Initiative mehrheitlich ab. Hingegen waren Bewohner aus ländlichen
Regionen oder Kleinstädten eher für die Initiative als
Personen aus den grösseren städtischen Agglomerationen.
Fast einhellig die Initiative befürwortet haben Stimmende,
welche den Ausländern "weniger Rechte" zubilligen
wollen, allerdings legten auch rund 40 Prozent der Stimmenden, die
sich für Chancengleichheit zwischen Ausländern und Schweizer
aussprechen, ein JA in die Urne.
Die Annahme der Minarettverbotsinitiative ereichte grosse internationale
Beachtung, auch bei muslimfeindlichen Organisationen in verschiedenen
europäischen Ländern. Mehrere rechtsextremistische Gruppierungen
übernahmen das grobschlächtige Plakat der Initianten,
so der französische Front National, es richtet sich nun nicht
nur gegen Minarette, sondern gegen den "Islamismus" ("Non
à l'islamisme"). Mehrere einschlägig bekannte Schweizer
Aktivisten vernetzen sich mit muslimfeindlichen Organisationen im
Ausland, so der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger, so der
Aargauer SVP-Grossrat Andreas Glarner.
Antisemitismus
Der Rassismus gegen Juden nehme im breiten Feld des Rassismus "eine
Sonderstellung" ein, so der Historiker Georg Kreis. "Die
Judenfeindlichkeit ist die ausgeprägteste und zugleich versteckteste
und am meisten thematisierte Feindlichkeit und damit so etwas wie
ein Selbstläufer', was immer man tut und wie immer die
Verhältnisse sind." Zum Jahreswechsel 2008/2009 aktivierte
der israelische Angriff auf den Gaza-Streifen innerhalb von Stunden
den latenten Antisemitismus, nach dem Ende der Militäraktion
erlahmte die Aufregung wieder.
In den vergangen Jahren haben mehrere Befragungen das Ausmass antisemitischer
Einstellungen in der Schweiz zu bestimmen versucht, mit unterschiedlichen
Ergebnissen. 1998 war eine Befragung auf 7 Prozent AntisemitInnen
gekommen, 2000 eine andere auf 16 Prozent, und 2006 hatte eine Nationalfonds-Studie
22 Prozent Misanthropen ausgemacht, unter ihnen Antisemiten. Alle
Befragungen waren - soweit überhaupt feststellbar - von unterschiedlichen
Kriterien ausgegangen. 2007 veröffentlichte das Berner Forschungsinstitut
gfs eine breit angelegte und strukturell neu konzipierte Studie.
Das Ergebnis: Bei zehn Prozent der Befragten liessen sich "systematisch
antijüdische Einstellungen" nachweisen. Diese Befragten
würden "grossmehrheitlich alle negativen Stereotype über
Jüdinnen und Juden" teilen. Rund 28 Prozent würden
ferner punktuell antijüdische Einstellungen aufweisen. Fünfzehn
Prozent seien emotional verstimmt wegen der Politik Israels, wobei
Israelkritik nicht zwangsläufig antisemitisch sei, wohingegen
Antisemiten fast immer Israel kritisierten.
In der beschränkten Öffentlichkeit rechtsextremistischer
Foren und Schriften erscheinen regelmässig antisemitische Beiträge,
ebenso wie den Holocaust verharmlosende beziehungsweise leugnende
Auslassungen. Selbst wenn diese Äusserungen die Rassismus-Strafnorm
verletzen bleiben sie meist ohne Folgen, da die Strafverfolgungsbehörden
nicht von sich aus aktiv werden und niemand Strafanzeige einreicht.
Allerdings lassen sich im Jahr 2009 auch drei antisemitische Aktivitäten
nachweisen, die sich an eine breitere Öffentlichkeit wandten.
Ende Oktober liess der sektiererische Christ Yvo Sasek am "Anti-Zensur-Koalitions-Kongress"
den Holocaustleugner Bernhard Schaub vor mehreren hundert Personen
in der St. Galler Olma-Halle auftreten. Schaub bediente die ZuhörerInnen
mit vielen antisemitischen und Holocaust leugnenden Anspielungen
und Aussagen. Er erhielt mehrfach Szenenapplaus und nur wenige Buh-Rufe
bei seinem Abgang von der Bühne. Ein weiterer Holocaustleugner,
nämlich René-Louis Berclaz, vertreibt über seinen
Verlag "Les Éditions de Cassandra" eigene Schriften
sowie Nachdrucke bekannter antisemitischer Bücher wie beispielsweise
"Le Juif International" von Henry Ford. Der Verlag ist
erreichbar über eine Postfachadresse in Sierre, Kanton Wallis.
Im Internet betreibt der Genfer Journalist Frank Brunner auf seiner
Homepage eine Rubrik "Die jüdische Lobby" - auch
noch nachdem die Genfer Untersuchungsbehörden nach einer Strafanzeige
gegen ihn ein Strafverfahren eröffnet haben, unter anderem
wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm. Auslöser
war ein Artikel, den er Anfang Januar als Reaktion auf das zerstörerische
Vordringen der israelischen Armee in den Gazastreifen veröffentlichte.
Brunner erachtet die "Ausrottung der Juden" als eine "wünschenswerte
Sache" und eine "Wohltat für die Menschheit".
Feindschaft gegen Roma und Fahrende
Wie die Muslime wurden 2009 auch die Roma Zielscheibe politischer
Kampagnen des nationalkonservativen Lagers. Dieses bekämpfte
die Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf die neuen EU-Länder
Bulgarien und Rumänien (Abstimmung vom 8. Februar 2009) mit
romafeindlichen Untertönen. Tenor der Kampagne: Zuwanderung
aus Rumänien sei problematisch, Zuwanderung von Roma noch viel
problematischer, da sie zu Kriminalität und Sozialhilfebezug
führe.
Von Roma-Feindschaft inspiriert war auch ein Bettler-Gesetz, das
der Genfer Grosse Rat im November 2007 beschlossen hat. Ein Gericht
hat im Dezember 2009 - wegen polizeilicher Formfehler - alle inzwischen
ausgesprochenen Bussen aufgehoben. Die Polizei muss die beschlagnahmten
Gelder zurückzahlen. Die Genfer Behörden sind allerdings
weiter bemüht, arme Romas von der Stadt fernzuhalten.
Trotz vieler Beteuerungen haben Fahrende, insbesondere aber Roma
ohne Schweizer Pass immer noch Mühe, Durchgangs- oder allenfalls
Standplätze zu finden, wenn auch in den vergangenen Jahren
an einigen Orten neue Plätze eingerichtet wurden. Gelegentlich
werden sie darüber hinaus Ziel von gewalttätigen Angriffen.
Der Bundesrat hat in seinem Bericht "über die Situation
der Fahrenden in der Schweiz" denn auch festgehalten, dass
es "heute noch kein ausreichendes Netz von Stand- und Durchgangsplätzen
(gibt), das allen 2'500 schweizerischen Fahrenden die Weiterführung
ihrer traditionellen Lebensweise ermöglichen würde."
Laut einem Gutachten der Stiftung "Zukunft für Schweizer
Fahrende" wären 29 zusätzliche Standplätze und
38 zusätzliche Durchgangsplätze erforderlich. Die Feindschaft
gegen Fahrende und Jenische hat in der Schweiz eine lange Tradition;
die kritische Aufarbeitung der Zerstörung ihrer Lebensweise
- insbesondere durch die Aktion Kinder der Landstrasse - begann
erst in den vergangenen Jahren.
Antideutscher Nationalismus
In den vergangenen Jahren hatten der Tages-Anzeiger und das Boulevardblatt
Blick bereits mehrmals mit antideutschen Kampagnen Stimmung machen
wollen, doch erst im Winter 2009/2010 hievte die Zürcher SVP
das Thema auf die politische Bühne. Im Stadtzürcher Wahlkampf
zielte die SVP zuerst gegen die "Linken und Naiven", die
"immer mehr Ausländer in die Stadt" holen würden.
Die Partei beklagte dann "Kriminalität durch Ausländer"
und "ausländische Ellbögler" und "arrogante
Ausländer" und erwähnte nur eine einzige Nationalität
explizit: "Deutscher Filz macht sich breit: Denn Deutsche stellen
vor allem Deutsche an - an der Uni und in den Spitälern."
Die Anprangerungen sollten die Bevorzugung der SchweizerInnen rechtfertigen,
so bei "Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie (den) Sozialwerken"
- nationalistische Forderungen, die dem Gleichheitsprinzip widersprechen.
Die SVP-Kampagne fand - während des Wahlkampfs - ziemlich grossen
Widerhall in den Medien, hingegen wurden Schikanen, Angriffe gegen
und Diskriminierungen von Deutschen in den Medien selten erwähnt.
Fazit
Mit der Annahme der Minarettverbotsinitiative hat die Schweiz
in der Bundesverfassung wieder eine Ausnahmebestimmung, die sich
direkt gegen eine religiöse Gemeinschaft richtet. Diese verbietet
zwar nicht die Ausübung der konfessionellen Riten, beschneidet
jedoch die Präsenz im öffentlichen Raum. (Menschenrechte
haben in der Schweiz immer wieder einen schweren Stand.) Die Annahme
markiert eine Zäsur. Sie wird in den kommenden Jahren weiterhin
für grundsätzliche politische Auseinandersetzungen sorgen.
Januar 2010
Hans Stutz
Alle Rechte beim Verfasser.
Der Text, versehen mit Fussnoten, wurde zuerst veröffentlicht
auf der Homepage der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus
(GRA), siehe http://chronologie.gra.ch/index.php?p=56.
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