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Die Mär vom Schlaraffenland

FDP-Regierungsrat Hans-Jürg Käser will verstanden werden, mit rassistischen Anspielungen.

Hans-Jürg Käser, Regierungsrat FDP, hat recht, wir haben "hier noch Redefreiheit", und wir leben auch "nicht im Dritten Reich". Man fragt sich, warum der Berner Polizeidirektor schnurstracks den "Nazi"-Vergleich hervorholt, immerhin gab es in den vergangenen Jahrzehnten in Europa noch andere Diktaturen. Doch man begreift schnell, Käser will sich freisprechen und überführt sich selbst. Denn: Jeder Nazi ist ein Rassist, aber nicht jede rassistische Äusserung hat einen Nazi als Absender. Und solche Absender berufen sich gerne auf die "Meinungsäusserungsfreiheit", und wollen damit ihren Kritikern das Maul stopfen. Meistens ohne Anwalt, gelegentlich mit.

Käser verteidigt sich: Er habe eine Sprache wählen wollen, die verstanden werde. In der Tat, wir haben begriffen. Es ist kein Ausrutscher: Der Berner Regierungsrat erklärte bereits vor Monaten, nach Annahme der SVP-Masseneinwanderungsinitiative: "Jene, die noch nie einen Neger gesehen haben, stimmten am meisten Ja" - um sogleich nachzuschieben: "Pardon, einen Schwarzen." Käser hat damit den Tatbeweis erbracht, dass er um den erniedrigenden Sinn des Wortes weiss. Aber das hinderte ihn vergangene Woche nicht daran, zweimal am gleichen Tag mit der jovialen Gelassenheit eines Herrenmenschen zu erklären: "Europa ist das Paradies. Die Schweiz das Schlaraffenland. Das wissen nicht nur wir, das wissen auch die Negerbubli". Ob alte Leute im Altersheim, ob Working Poors oder ob Asylbewerber die Schweiz als "Schlaraffenland" betrachten, muss man wohl bezweifeln. Nicht jedoch, dass die bürgerlich-dominierte Schweiz ein "Schlaraffenland" für Steueroptimierer ist, nicht nur für jene in der FDP. Käser diffamiert und verteidigt damit eine bürgerliche Politik, die die eigene Gesellschaft idealisiert, um paternalistisch gegen Sozialschwache und Migranten entscheiden zu können.

Hans Stutz
Tachles, 19. September 2014
Alle Rechte beim Verfasser.