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Im Netz des Predigers

Der Laienprediger Ivo Sasek steht hinter zahlreichen Organisationen, die grausliche Botschaften verbreiten. Eine Rede der Holocaustleugnerin Silvia Stolz hat nun rechtliche Konsequenzen. Sasek verteidigt ihren Auftritt.

Es waren sonderbare Meldungen, die vor einigen Wochen durch die Medien geisterten: Jugendliche verbreiten im Stil aufklärerischer Nachrichten Verschwörungstheorien in Onlinevideos.

Die deutschen Behörden griffen ein: jugendschutz.net, eine Behörde, die Medienangebote im Netz überprüft, intervenierte beim Onlinesender Jugend-TV wegen allfälliger Verstösse gegen das Jugendmedienschutzgesetz und drohte mit einer Busse von 500 000 Euro. Diese Nachricht verkündeten die ModeratorInnen von Jugend-TV auf ihrem Kanal gleich selbst, und sie bestanden umgehend darauf, Jugend-TV sei «ein persönliches Freizeitprojekt». Auch «die jüngeren Kinder, die hier teilweise moderieren», wollten dies «aus ganz eigenem Antrieb».

Die Behörde will sich auf Nachfrage nicht äussern, sie erteilt «keine Auskunft zu einzelnen Verfahren». Das deutsche Magazin «Stern» schrieb: «Das Online-Format ‹Jugend-TV› sendet täglich Judenhetze, Verschwörungen und homophobe Wirrungen. Dahinter steckt ein selbsternannter Prediger mit rechts-konservativem Gedankengut.»

Der Prediger ist kein Unbekannter: Er heisst Ivo Sasek, 1956 geboren, aufgewachsen in der Region Zürich, gelernter Automechaniker, heute wohnhaft in Walzenhausen in Appenzell-Ausserrhoden. Er führt heute ein Familienunternehmen, in dessen Mittelpunkt die Organische Christusgemeinde (OCG) steht, dazu mehrere kommerzielle Tochtergesellschaften.

Warnung vor dem Dritten Weltkrieg

Ivo Sasek füllt seit Jahren Hallen, in Deutschland und der Schweiz, gelegentlich ist er auch auf «Missionsreise» durch Frankreich, Belgien, die Ukraine und Rumänien. Häufig verbreitet der Prediger mit Ehefrau Anni und den gemeinsamen elf Kindern christliche Lebenshilfe – als «Freundschaftstreffen» angekündigt, mit erbaulicher Musik und Predigten. Im Netz wird Sasek als «Vollender der Reformation» bezeichnet, als «wahrer Theologe», der «durch Gott sein aktuelles Wort in diese Zeit» hineinspreche.

Vor über dreissig Jahren gründete Sasek die OCG. Heute steht der Laienprediger gemeinsam mit seinen – mittlerweile zum Teil erwachsenen – Kindern hinter einem weitverzweigten, kaum überschaubaren Netz von Organisationen und Medienerzeugnissen, das seine politische Mission in die Welt hinaussendet. Derzeit aktuell: die Rettung der Welt vor dem Dritten Weltkrieg (der Westen gegen Russland) und vor den Medien (Kriegstreiber). Sasek sagt auf Anfrage, der Weltkrieg finde zwar noch nicht statt, aber es bestehe eine «reale Gefahr»: «Wenn ich die Welt davor bewahren könnte, würde ich es tun. Doch dies kann ich nicht.»

Von dieser Gefahr sprach Sasek auch im Juli 2014 vor über 2000 Menschen an der zehnten Konferenz der von ihm gegründeten Anti-Zensur-Koalition (AZK). Die AZK nennt sich in einer Selbstdarstellung «Europas grösste Plattform für unzensurierte Information». Die Menschen müssten «Stimmen und Gegenstimmen» hören können, durch «hochqualifizierte Fachstimmen aus aller Welt».

Daniele Gansers Referat

Die Konferenz fand an einem nicht öffentlich genannten Ort statt, Eintrittskarten waren ausschliesslich durch Vermittlung erhältlich. Sechs RednerInnen kündigte Sasek an, und er empfahl den Anwesenden, «nehmt es als Wort Gottes». Saseks frohe Botschaften werden meist von Rechten oder Rechtsextremen verbreitet. Diesmal trat mit dem HSG-Dozenten Daniele Ganser aber auch ein Wissenschaftler auf, der seinen guten Ruf noch zu verlieren hat. Er forschte unter anderem zu Nato-Geheimarmeen in Europa, wird aber wegen seiner Theorien zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 immer wieder kritisiert.

Ganser sprach an der AZK-Konferenz über «verdeckte Kriegsführung» und bot einen «Blick hinter die Kulissen der Machtpolitik». Dass ihm dabei nicht ganz wohl war, bekannte er gleich zu Beginn seines Auftritts. Er sagte demnach, er habe Sasek nicht gekannt und nicht gewusst, dass an früheren Konferenzen Holocaustleugner wie Bernhard Schaub oder Silvia Stolz aufgetreten waren.

Ein Auftritt mit Folgen

Silvia Stolz hatte im Oktober 2012 in Chur an einer AZK-Konferenz einen Auftritt mit Folgen. Wie die WOZ weiss, wird sie sich Anfang 2015 wegen Volksverhetzung vor einem Gericht in München verantworten müssen.

Sasek sagt zu den fragwürdigen Auftritten, dass sämtliche ReferentInnen jeweils ihre Vorträge vorlegen müssten. «Es war nicht irgendetwas dabei, was mit Holocaustleugnung oder Antisemitismus zu tun hatte.» Man habe zudem darauf hingewiesen, dass diese Äusserungen «nicht notwendigerweise der Wahrheit entsprechen oder unsere eigene Meinung widerspiegeln müssen», wie Sasek betont. Er selbst sei zur Zeit des Zweiten Weltkriegs noch nicht auf der Welt gewesen und deshalb «abhängig von Stimme und Gegenstimme».

Auch Stolz’ Referat habe man vorgängig geprüft: «Hätte unser Rechtsdienst den Vortrag nicht als einwandfrei beurteilt, hätten wir ihn nicht veröffentlicht.» Sie habe schliesslich bloss über «Sprechverbot, Beweisverbot, Verteidigungsverbot» gesprochen.

Sasek betont immer, dass die RednerInnen nicht seine eigene Meinung wiedergäben. Doch auch Saseks Medien verbreiten krude Botschaften. Sowohl Saseks Klagemauer-TV wie auch die «Anti-Zensur-Zeitung AZZ» und «Stimme und Gegenstimme» warnen vor den Gefahren, die von Mobilfunkantennen oder vom Impfen ausgehen sollen, und beklagen die «Genderideologie» und «Frühsexualisierung». Den Anschlag auf das World Trade Center hält Klagemauer-TV für «Anschläge der eigenen Regierung». Dahinter stehe die «Familie Rothschild», die weltweit die Kontrolle über die Nationalbanken anstrebe.

Seit 35 Jahren ohne Lohn

Die Theorien, die auf «Jugend-TV» herumgeboten werden, tönen ähnlich krud. Die jungen ModeratorInnen merkten denn auch schon an, ihr Idol sei Klagemauer-TV, Saseks Onlinenewsplattform. Er selbst sagt, er stehe nicht hinter Jugend-TV. Die ideologische Übereinstimmung der beiden Plattformen ist allerdings augenfällig. Im Klartext: Kinder verkünden Saseks politisches Credo.

Seit Januar 2013 stellt Jugend-TV fast täglich einen neuen Beitrag ins Netz, meist zwischen zwei und sieben Minuten lang. Moderiert von einem Kind oder einem Jugendlichen, vorgestellt mit Vornamen. Sie berichten über «schädliche» Mobilfunkstrahlen, die «CO2-Lüge» und Kondensstreifen von Flugzeugen, denen absichtlich Chemikalien zugesetzt würden.

Wie Klagemauer-TV erklärt Jugend-TV, dass der Zweite Weltkrieg nicht von Nazideutschland begonnen worden sei. Eine Botschaft, die auch der Rechtsaussen-Historiker Michael Vogt an einem Kongress der Anti-Zensur-Koalition verkündet hatte: Der Nazi Rudolf Hess, der 1941 nach England flog, um einen «Sonderfrieden» zwischen Deutschland und England gegen die Sowjetunion auszuhandeln, sei demnach ein «Friedensflieger» gewesen.

Saseks Weltschau ist bestimmt von Themen, die sowohl RechtsextremistInnen umtreiben wie auch ChristInnen am rechten Rand. Sie sehen die westeuropäischen Gesellschaften bedroht durch Frauenemanzipation, sexuelle Minderheiten, die Migration und den Islam.

Stellt sich bloss die Frage, wie er die Verbreitung dieser Thesen finanziert. Sasek, der sonst gerne lang und breit erklärt, hält sich in dieser Frage bedeckt: «Es gibt keine zentrale Kasse. Jedes Individuum versorgt sein Studio, seine Gäste, seine Schriftenproduktion selber. Alle wirken ehrenamtlich.» Er selber verzichte seit 35 Jahren auf einen Lohn. «Dadurch bin ich nicht bestechlich.»

Mitarbeit: Carlos Hanimann

Hans Stutz
Die Wochenzeitung WOZ, 23. Oktober 2014
Alle Rechte beim Verfasser.