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Mehr als nur «Chabis»

Fans des FC Luzern jagten einen «St. Galler Juden» zum Stadion – gebüsst wird vom Verein nur der Fotograf.

Die Verunglimpfung von Gegnern als «Juden» ist bei Fussballfans nicht alltäglich, aber dennoch keine Seltenheit – meist ohne jede Notiz in den Massenmedien. Wenn Fans auf dem Weg ins Stadion oder während des Spiels vernehmlich antisemitische Parolen skandieren, tun Sportjournalisten wie auch Vereinsfunktionäre so, als hätten sie nur «Fussball» verstanden, dies auch, wenn Schiedsrichter nach unliebsamen Entscheiden antisemitisch beschimpft werden.

Im Herbst 2007 war es beispielsweise die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens, die Anhänger des Fussballvereins FC Basel (FCB) zeigte, die im Extrazug nach Luzern «Eine U-Bahn bauen wir, von Luzern direkt nach Auschwitz» skandierten, sowie «Sieg Heil!» schrien. Natürlich haben FCB-Exponenten damals lauthals verkündet, sie seien «geschockt» (siehe Kasten).

Das tun nun auch die Verantwortlichen des Fussballclubs Luzern (FCL). Aber sie schieben gleich Verharmlosungen und widersprüchliche Sanktionen hinterher. Mediensprecher Max Fischer sprach gegenüber «20 Minuten» von einer «Aktion von wenigen nur wegen eines Bildes». Nur: Das Foto zeigt eine grössere Gruppe von Luzerner Fussballfans, die der antisemitischen Darstellung hinterherliefen. Insgesamt sollen es rund 250 bis 300 Leute gewesen sein. Und es war auch kein spontaner Jux in Fasnachtslaune, wie es der Sprecher der St. Galler Kantonspolizei andeutete. Ein Luzerner Fanarbeiter hatte gegen die Aktion interveniert, war aber gescheitert.

Der Präsident verharmlost
Widersprüchlich auch die Aussagen des FCL-Präsidenten Ruedi Stäger. Er verharmlost die Aktion gegenüber dem Onlineportal Zentral+ als «Chabis» und behauptet, er könne sich nicht vorstellen, dass Luzerner Fans «antisemitische Züge» zeigen würden. Doch gleichzeitig berichtet er von einem Spruch, der seit ein paar Jahren bei den Luzerner Fans immer wieder hochkomme: «Etwas mit Fahnen, Textilindustrie und Judentum.» Stäger weiter: «Auf der anderen Seite singen die St.Galler Reime mit Luzerner in Verbindung mit Konzentrationslagern.» Eine diskrete Anspielung auf das bekannte «U-Bahn-Lied» (siehe Kasten). Stäger liefert den Beweis, dass Antisemitismus in Fussballstadien verbreiteter ist, als er zuerst vermitteln wollte, und auch, dass die Fussballverantwortlichen bis anhin nichts unternommen haben.

Der Fotograf wird bestraft
Die Medienaufregung ist gross, und so mimt der FCL Aktivismus und sanktioniert den Überbringer der schädigenden Botschaft. Jener Fussballbegeisterte, der seit vielen Spielen Fanfahrten und Spiele dokumentiert und die Fotos auf einer Fanseite veröffentlicht, verlor per sofort die Akkreditierung. Zuerst für ein Spiel, aber in Zukunft soll er vor einer Publikation problematischer Bilder das Gespräch mit dem Klub suchen. Diese Botschaft versteht jeder Fussballfan: Wer etwas Rassistisches gesehen oder gehört hat, soll schweigen – zumindest in der Öffentlichkeit. Dass die Aktion der Luzerner Fangruppe antisemitisch ist, steht ausser Frage. Gemäss aktuellem Informationsstand verletzt sie jedoch die Anti-Rassismus-Strafnorm eher nicht. Die Luzerner Fans haben weder öffentlich zu «Hass oder Diskriminierung» aufgerufen, noch Ideologien zur systematischen Herabsetzung oder Verleumdung von Juden verbreitet, noch Juden «in einer gegen die Menschenwürde verstossender Weise» herabgesetzt oder diskriminiert. Auch haben sie keine «Propagandaaktion» durchgeführt.

Kasten

"… bis nach Auschwitz"
Die überwiegende Mehrheit der Besucher von Eishockey- und Fallmatches haben mit Rassismus und Antisemitismus nichts am Hut. In der Masse jedoch können jedoch Rassisten, Antisemiten und Muslimfeinde - meist ohne Widerspruch fürchten zu müssen - lautstark ihre Abneigungen äussern, allein oder in Gruppen. Die Chronologie "Rassismus in der Schweiz" dokumentiert seit 1991 eine beachtliche Zahl von rassistischen und antisemitischen Vorfällen in und um Fussball- und Eishockeystadien. Zum kleineren Teil verübt von erkennbaren Rechtsextremisten, sei es durch das Zeigen von Hitlergrüssen oder dem Schwenken der Hakenkreuz- oder der Reichskriegsflagge. Zum überwiegenden Teil begangen von (meist jungen) Fans. Aus aktuellem Anlass ein Beispiel aus Luzern. Ende März 2007 fahren FCL-Fans in einem Bus Richtung Bahnhof. Ein junger Mann schreit plötzlich "Alli Jude sind schwul". Mehrere junge Männer wiederholen lautstark den Spruch. Ein mitfahrender Zürcher Jude gibt sich zu erkennen. Mehrere Herumstehende äussern ihm gegenüber ihre antisemitischen Vorurteile.

Ein besonders langes Leben hat das "U-Bahn-Lied" ("Eine U-Bahn bauen wir, von X. bis nach Auschwitz"). Gemäss mehreren Autoren lässt es sich bereits seit den 1960er-Jahren nachweisen, in allen deutschsprachigen Ländern. In den vergangenen Jahren war es besonders beliebt bei Fussballfans aus den neuen deutschen Bundesländern. Einige deutsche Richter haben überführte Sänger auch schon wegen Volksverhetzung für schuldig befunden. So verurteilte im August 2014 das Amtsgericht Frankfurt am Main einen 42jährigen Mann aus Dresden zu einer für ihn schmerzlichen Geldstrafe.

In den vergangenen Monaten richtete sich der Diskriminierungswillen von deutschen Fussballhooligans vorwiegend gegen Muslime. Bei den Pegida-Kundgebungen in Dresden liefen auch Fans von Dynamo Dresden mit. In den alten Bundesländern organisierten die "HoGeSa - Hooligans gegen Salafisten" zwei grössere islamophobe Demos, in Köln mit über 4000 Teilnehmern und landesweit beachteter Randale.

Hans Stutz
Tachles, 27. Februar 2015
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