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Rückkehr des Rassegedankens

Ein Monarchist schrieb vor Jahrzehnten einen Pamphlet-Roman, nun propagieren ihn Rechtsaussen. Auch in der „Weltwoche".

Es sei der grosse Roman zum „Flüchtlingsnotstand“, behauptete der ehemalige Spiegel-Mitarbeiter Matthias Matussek vor drei Wochen in der „Weltwoche“. Ein „Meisterwerk“, geschrieben vor über vierzig Jahren, nun erneut – und erstmals vollständig – übersetzt und verlegt vom „kleinen Antaios-Verlag“ („eine mutige verlegerische Grosstat“). Es sei „eine Schande, dass kein grosser Publikumsverlag“ das Wagnis unternommen habe.

Matussek liegt grotesk daneben. Auch mit der Relativierung Jean Raspails Roman „Das Heerlager der Heiligen“ sei parodistisch. Raspail – verkniffen wie ein blasierter Gutsverwalter – meint es ernst mit seiner Botschaft: Der Westen gehört „der weissen Rasse“ und die Verteidiger Europas dürfen, ja müssen über Leichen gehen. Ein solches Werk kann sich kein seriöser Verlag antun. Die deutschsprachige Ausgabe erschien bis anhin auch dort, wo der Papier-Kotzbrocken hingehört: Beim Hohenrain Verlag, einer Tochter des Grabert Verlages. Der Verfassungsschutz zählt ihn „zu den größten Verlagsunternehmen innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums“.

Auch der Antaios-Verlag ist weit rechtaussen verortet: Er wird von Götz Kubitschek geleitet, den die Alternative für Deutschland AfD nicht als Mitglied wollte, weil er zu rechts sei. Kubitschek trat bereits mehrmals als Redner an Pegida-Demonstrationen in Dresden und Leipzig auf: Die Regierung wolle, so Kubitschek Anfang Oktober, dass „sich das Volk nicht wiedererkennt“. Und Deutsche hätten die Pflicht „gegen die Auflösung unseres Volkes Widerstand zu leisten“. Sein Verlag will dazu den publizistischen Takt schlagen. Er verbreitet Autoren jener Neuen Rechten, die eine kulturell homogene Gesellschaft anstreben.

Zu ihnen zählt auch der Übersetzer Martin Lichmesz. Bereits vor vier Jahren behauptete er, dass es einen „gigantischen Verrat“ gäbe, den „die Eliten der westlichen Welt an ihren Völkern“ begehen würden. So sieht es Raspail seit Jahrzehnten. Dieser karikiere, so umschreibt es Lichtmesz erfreut, die „landauf landab herrschende linksliberale Psychose“.

Auch Autor Jean Raspail, im Juli eben neunzig Jahre geworden, ist eben kein Demokrat. Er sei „Weltreisender, Monarchist, erzkatholisch und im besten Sinne des Wortes vornehm“, schreibt der Antaios Verlag. Im Klartext: Die Aufklärung und die Gleichheitsvorstellungen der Französischen Revolution sind ihm ein Gräuel. Ebenso die Migration, auch aus den Ländern, die einst französische Kolonien waren. Bereits in den 1980er-Jahren schrieb er kulturpessimistisch von „Fremdrassigen“, die als „Vorhut“ in Frankreich leben würden, „im Schosse des ehemaligen französischen Volkes“. Und 2004 fabulierte er von der „Missachtung der gebürtigen Franzosen“, die vom „hämmernden Tam-Tam der Menschenrechte“ betäubt worden seien.

Der Romaninhalt: Eine Million verarmter InderInnen, fliehen auf hundert Schiffen in sechzig Tagen, rund um Afrika bis nach Südfrankreich. Raspail diffamiert die Flüchtlinge als „Eroberer“ und stinkende Masse, angeführt von einem verkrüppelten Paria. Raspail nennt ihn meist „Missgeburt“. Die französische Regierung lässt die Bootsflüchtlinge in Südfrankreich an Land gehen. Der französische Präsident hatte im letzten Moment alle Ankommenden erschiessen lassen wollen, doch die aufgebotenen Soldaten desertieren, nachdem die BewohnerInnen Südfrankreichs bereits in den Norden geflohen sind.

Raspail deutet den Zusammenbruch als „Verrat“ am Abendland und der „weissen Rasse“. Nur die Schweiz habe – so Raspails Fiktion – der Auflösung länger widerstanden, um „ein Leben nach westlicher Art unter Leuten gleicher Rasse“ führen zu können.

Das Buch soll – gemäss Angaben des Hohenrain-Verlages – mehr als zwei Millionen-Mal verkauft worden sein. Sicher ist: Raspails Buch bestärkt MigrationsgegnerInnen seit Jahrzehnten. SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer vertrieb es 2007 in seinem „Schweizerzeit“-Buchversand, als Argumentationshilfe für die SVP-Initiative „Stopp dem Asylmissbrauch“. Das Buch sage „das Ende der weltweiten Ausstrahlung des Abendlandes“ voraus, „wenn dieses der illegalen Massenwanderung nicht Einhalt“ gebieten könne. Und die NPD Bayern verbreitete 2005 in einem Flugblatt eine Romanzusammenfassung, die gleichzeitig einem rechtsextremen Mantra entspricht: „Die mitleidigen Europäer haben unter der Einwirkung von der Gleichheitsideologie des Liberalismus ihren Selbstbehauptungswillen verloren.“

Auch erschreckte Konservative finden Anregung bei Raspail. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ, schrieb Kulturredaktor Lorenz Jäger 2005 beunruhigt von der Einwanderung nordafrikanischer junger Männer: Raspails Werke sei „visionär“ und darin würden „die Kerenskis der multikulturellen Gesellschaft“ eine traurige Rolle spielen. Gemeint sind sozialistische oder linksliberale PolitikerInnen, die als Wegbereiter für KommunistInnen beziehungsweise Linksextreme agierten. (Jäger hat sich inzwischen von den rechten Kameraden verabschiedet: Der Konservativismus sei, schrieb er 2011, „zu einer Ideologie der Großindustrie und der Kriegsverkäufer geworden.“)

Immerhin: nicht alle konservativen Blättern wollen mit Raspails Roman Stimmung schaffen. Matusseks Lob auf die Rückkehr des Rassegedankens erschien in der „Weltwoche“ erst nachdem die konservative „Welt“ (einst redaktionell geleitet von Roger Köppel) die Rezension abgelehnt hatte. „Verschmäht“, nannte es Matusssek.

Hans Stutz
Die Wochenzeitung WOZ, 22. Oktober 2015
Alle Rechte beim Verfasser.

Postscriptum
Wochen später wettert der deutsche Autor Heribert Seifert in der NZZ gegen diesen “Verriss” der  “nur den Rassismus eines antidemokratischen, orthodox katholischen Autors” sehe, auch den “weit rechts aussen verorteten” Verlag erwähne. Sein “Gegenstück” habe mein Text in einem Berliner Blatt gefunden, das eine “Lesewarnung” vor “obszöner Literatur” publizierte.

Seifert gefällt es immer wieder, Rechtsaussen-Positionen als angebliche Opfer medialen Verschweigens dazustellen, obwohl er diesmal auf rund ein halbes Dutzend Besprechungen veweist, alle erschienen in den vergangenen Wochen. Seifert behauptet weiter: “Mit dem Rassismusvorwurf wird sich der begnügen, der den Roman ohne Sinn für seinen literarischen Charakter liest. Sein Erzähler ist ein Liebhaber des alten Frankreich, der die Niederschrift im Schweizer Exil beendet, bevor man auch dort vor den Einwanderern kapituliert.” In der Tat behauptet der Ich-Erzähler ein Liebhaber des alten Frankreichs zu sein, allerdings kann man dem Autoren Jean Raspail – selbst bei ideologischem Wohlwollen – dennoch keine literarische Qualität zusprechen.