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"Sauhunde, Verräter und Kollaborateure"

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus kritisiert "Hassaufrufe und öffentliche Gewaltaufrufe", ohne die verbreiteten islamophoben Vorfälle zu erwähnen.

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR kritisierte in der vergangenen Woche "Hassaufrufe und öffentliche Gewaltaufrufe", besonders in den sozialen Medien. Opfer seien "derzeit die Juden, die direkt mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in Verbindung gebracht" würden. Die Kommission hätte ebenso zutreffend auf die vielen islamophoben Beiträge verweisen können. In der der gleichen Facebook-Gruppen, in denen antisemitische Drohungen erschienen, standen auch islamophobe Verwünschungen wie "Islam ist ein Satanskult, der verboten gehört!" Medienschaffende wie auch antirassistische Organisationen haben diesen Sachverhalt bis anhin kaum beachtet.

Fakt ist: Antisemitismus ist zwar länger und stärker in der Schweizer Gesellschaft verankert, doch seit längerer Zeit steigt vorwiegend Muslimfeindschaft an die gesellschaftliche Oberfläche. Auch in den vergangenen Tagen, auch ausserhalb der hasserfüllten Facebook-Gruppen wie "Burka? NEIN! Sharia? NEIN! Minarett? NEIN!-Und dazu steh ich!!!" Ein paar Beispiele: "Man braucht mehr davon" ("On en redemande!") verlangt am Freitag vergangener Woche der Unterwalliser SVP-Kommunalpolitiker und Jurist Jean-Luc Addor nach dem Mord in einer St. Galler-Moschee. Der Muslimfeind hatte bereits in den vergangenen Jahren über Twitter Islamophobie verbreitet, in den vergangenen Wochen diskreditierte er - ohne öffentliches Aufsehen - die Muslime als "Sauhunde, Verräter und Kollabo". Noch immer fehlt ein starker Dachverband als Vertretung für die Schweizer Muslime, deshalb kann sich der fundamentalistische Zentralrat der Muslime als Sprecher inszenieren. Er erstattet umgehend Strafanzeige gegen Addor, wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm und öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit.

Grobschlächtig wie Addor formulieren auch anonyme Zeitgenossen. Am Sonntag berichtet Südostschweiz-Chefredaktor David Sieber von einer Zuschrift, welche die Kommentierung "wichtigere Themen" verlangt habe: "Zum Beispiel die schleichende Unterwanderung des Abendlandes durch islamistische Mörderbanden (Hunnenzug). Mir scheint, dass vor allem die angelsächsischen Länder endlich aktiv werden und sich vehement gegen die Machenschaften dieser Untermenschen zur Wehr setzen." Der Schreiber unterschrieb mit vollem Namen, ein Zeichen dafür, dass er kaum gesellschaftliche Nachteile befürchtet.

Islamophobie gedeiht auch gut unter christlichen Fundamentalisten. In den kommenden Wochen will beispielsweise der Berner EDU-Politiker Daniel Zaugg durch evangelikale Gemeindesäle ziehen, zusammen mit der israelischen Reiseleiterin Michal Hoffmann. Thema der Veranstaltungen "Brennpunkt Nahost". Politische Absicht: Unterstützung des Staates Israel, selbstverständlich mit dem Hintergedanken der "Judenmission". Zaugg, Mit-Initianten der Minarettverbot-Initiative, vermengt Islamismus und Islam. In einem Interview erklärte er unlängst: Der Islamische Staat wolle "mit Gewalt einen Gottesstaat errichten" und damit zeige "der Islam, was er unter Nächstenliebe" verstehe.

Hans Stutz
Tachles, 29. August 2014
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