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Verdrängter Diskriminierungswillen

Andreas Thiel möchte Satiriker sein, aber findet kein Publikum mehr. Das ist auch gut so.

Andreas Thiel, der sich immer noch für einen Satiriker hält, erhielt unlängst in der «Neuen Zürcher Zeitung» die Bühne für ein ausgedehntes Interview. Daran ist nichts auszusetzen. Thiel beklagt wortreich, er habe nur noch wenig zu lachen. Kaum noch Auftritte, da verfolgt vom Vorwurf, er sei Rassist und Antisemit, vor allem aber islamophob. Seine Bühnen-verbannung werde von einer «sehr linken» Kunstszene betrieben. Dies mag sein. Oder auch nicht. Ebenso dass der Islamophobie-Vorwurf gegen Thiel nun zutrifft. Klar ist: Weder Satiriker noch Kabarettisten können von Auftritten im Kulturprogramm von SVP- oder AUNS-Veranstaltungen überleben, dieses Plätzli ist bereits von Treichlern und Fahnenschwingern besetzt.

Eine Replik verdient hingegen Thiels Aussage, es gebe «hier so gut wie keine Rassisten», da die Schweiz «weder eine Rassentrennung noch Sklaverei oder sonst ein rassenspezifisches Problem» gehabt habe. In der Tat hatte die Schweiz weder eigene Kolonien noch nationale Sklavenhandels-gesellschaften, doch waren einzelne Schweizer Persönlichkeiten, Firmen und Behörden – wie der St. Galler Hans Fässler schon vor Jahren nachgewiesen hat – in den Sklavenhandel verwickelt. Und auch: Bis zum Zusammenbruch stützten Schweizer Grossbanken ein Relikt kolonialistischer Herrschaft, die rassistische Apartheid-Politik in Südafrika. Dies politisch abgestützt durch die bürger-liche Mehrheit der eidgenössischen Räte. Thiel kann ja einmal bei Christoph Blocher oder Ulrich Schlüer nachfragen, oder bei anderen Exponenten der einstigen «Arbeitsgruppe Südliches Afrika». Oder wenn ihm eine wissenschaftliche Aufarbeitung präziser wäre, könnte er einige Studien des Nationalen Forschungsprogramms zu den «Beziehungen Schweiz – Südafrika» konsultieren.

Thiel nimmt einen abgelegten Faden wieder auf. Die bürgerliche Schweiz hatte jahrzehntelang einen grossen Eifer, ihren Diskriminierungswillen gegenüber Minderheiten zu negieren, sei es gegen Juden, Fahrende, eine Zeitlang gegen die «Tschinggen», später gegen tamilische Asylbewerber, heute vorwiegend gegen Muslime. Die Aufzählung ist nicht abschliessend.
Die politische Folge: Die Schweiz war eines der letzten Länder, das dem Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung beitrat. Die nationalkonservativen Gegner der Rassismus-Strafnorm haben ihre Abstimmungsniederlage vom September 1994 bis heute noch nicht überwunden. Sie bedienen sich mehrerer widersprüchlicher Argumente, eines davon ist, Rassismus als inexistent oder vernachlässigbar zu deklarieren. Weiter wird der Wirkungsbereich der Strafnorm als markanter Einschnitt in die Meinungsäusserungsfreiheit massiv überbewertet.

Andreas Thiel ist nicht allein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Thurgauer Anwalt und SVP-Politiker Hermann Lei will das Sprechen über Rassismus – so weit wie möglich – aus der Öffentlichkeit verbannen. Er plädiert dafür, dass ein Rassismus-Vorwurf erst nach einer Verurteilung wegen Rassendiskriminierung erhoben werden darf. Nach dem Motto: Aus den Medien, aus dem Sinn.

Hans Stutz
Tachles, 26. August 2016
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