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Mäandern im esoterischen Sumpf

Esoterik ist zu einem Milliarden-Markt geworden, auf dem immer wieder neue Angebote auftauchen. Besonders erfolgreich war ein Buch, das den Nationalsozialismus verharmlost und sich auf die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion stützt. Welche antisemitischen bzw. rechtsextremen Angeboten lassen sich feststellen? Wie reagieren Esoterikerinnen und Esoteriker auf antisemitische bzw. rechtsextremistische Ideologiefragmente? Eine unvollständige Übersicht.

Die Ankündigung der Schweizerischen Vereinigung für Parapsychologie, Sektion Bern schien unverdächtig: Ein Vortrag zum Thema «Geschenk der Götter an die Menschen?! Wotans Lehren». Zwar fehlte in der Veranstaltungsanzeige der Name des Referenten. Zufall? Absicht? Der Redner Roger Wüthrich ist ja auch kein Unbekannter: Einst Mitbegründer der neonazistischen Wiking Jugend Schweiz, ist er heute Aktivist der völkisch-heidnischen Avalon-Gemeinschaft, in der sich Skinheads und Holocaust-Leugner, auch Altnazis, aber auch junge Rechtsextremisten der Nationalen Initiative Schweiz (NIS) sowie mindestens ein Islamist zum Gespräch treffen. Wüthrich hatte einige Wochen vorher an gleicher Stelle über «Runen-Lehre. Geschenk der Götter» referiert.
Der Reporter begibt sich in die Berner Regionalbibliothek Gäbelbach, die sich auf Esoterik spezialisiert hat und den Parapsychologen seit längerem die Räume zur Verfügung stellte. Wüthrich, möglicherweise gebremst durch die Anwesenheit des ihm bekannten Reporters, enthält sich politischer Aussagen. Auf dem Büchertisch präsentierte er Hermann Wirths Ahnenerbe, ideologische Grundlage für das SS-Institut Deutsches Ahnenerbe. Nach Ende des Vortrages dankte der Berner Sektionspräsident der Parapsychologen, und betonte, wir müssten unsere Wurzeln wieder kennen lernen. Die Wurzeln? Rechtsextremisten und Neuheiden sehen sie in der vorchristlichen Zeit, den Kelten und Germanen. Sie grenzen sich damit ab vom Christentum, das asiatischen und jüdischen Ursprungs sei. Der deutsche Rechtsextremist Erich Glagau beispielsweise schreibt von der «artfremden Religion mosaisch-christlichen Zwangsglaubens», welche das deutsche Volk spalte (vgl. den Beitrag von J. Niewiadomski).

Der Reporter begegnete Wüthrich bereits im November 1997 in einem Berner Gerichtsgebäude. Wüthrich trug am Kittelrevers ein Keltenkreuz, das einschlägige Zeichen für die Vorherrschaft der Weissen Rasse, und trat - zusammen mit weiteren Rechtsextremisten und Psychophysiognomikern/-innen - als Sympathisant von Erwin Oertle auf, als sich dieser wegen Widerhandlung gegen die Antirassismus-Strafnorm verantworten musste. Der Psychophysiognomiker Oertle hatte, so die Anklage, in einem Kurs über die jüdische und arabische Nase gesprochen und behauptet: «Die hässliche Krümmung zeigt Entartung an. Solche Menschen sind oft habgierig, nur auf ihren eigenen Profit bedacht und versuchen andere Menschen zu dominieren.» Geldgier und Herrschsucht, zwei bekannte antisemitische Stereotypen. Oertle hatte die Anschuldigung bestritten. Von der Verteidigung angerufene Zeugen hatten einhellig behauptet, sie hätten nichts Rassistisches wahrgenommen. Was aber nicht viel heissen muss. Unbestritten jedoch ist, dass solcher Mumpitz noch bis vor kurzem in einem Physiognomiker-Lehrbuch gelehrt worden war.

Rechtsextremer Auftritt - ein Betriebsunfall?
Ein Rechtsextremist bei Esoterikern und Esoterikerinnen? Ein Betriebsunfall oder ein Schulterschluss von gesellschaftlichen Subkulturen, die Vernunft und Aufklärung ablehnen? (Vg.l den Beitrag von M.A. Niggli) Offensichtlich ist, dass viele esoterische Richtungen ideologische Elemente enthalten, die zum grossen Fundus faschistischer Ideologiebestandteile zählen und viele Esoteriker menschenrechtsfeindliche Ideen kritiklos stehen lassen. Die uneingeschränkte Überzeugung der richtigen Anschauung erschwert auch die kritische Einschätzung der Vergangenheit. Die Anthroposophen beispielsweise wehren sich gegen die rassistischen Tolggen im Reinheft Rudolf Steiners. Auch die Allgemeine Anthropologische Gesellschaft wollte sich im Sommer 1998 nicht der öffentlichen Diskussion stellen, weil der Basler Perseus-Verlag das Buch eines Anthroposophen vertreibt, das, so die Basler Staatsanwaltschaft, «eine abstruse allgemeine rassistische Blut- und Religions- bzw. Geistestheorie» entwerfe. (Vgl. die Auseinandersetzung zwischen P. van der Let und C. Lindenberg) Mehrere Bestseller der esoterischen Subkultur enthielten haarsträubende antisemitische Aussagen, doch aus der esoterischen Szene erwuchs vorerst weder Kritik noch Opposition gegen die Menschenverachtung. Reinkarnationstherapeut Trutz Hardo betrachtet im Jedem das Seine den Holocaust als jüdisches Karma: «Die meisten, die vergast wurden, mussten durch diesen Gewalttod noch nicht ausgeglichenes Karma abtragen». Auschwitz könne man, so der Autor Hardo, «im Grunde genommen ein welthistorisches Ausgleichen vorvergangener Vergehen» nennen. Die mordenden Nazis werden damit als Vollstrecker von Gerechtigkeit verharmlost. Auch unter den rührigen Verteidigerinnen des Antisemiten Erwin Kessler finden sich Esotikerinnen, beispielsweise die Luzerner Reiki-Meisterin Renate Sonnenberg, die in einem Leserinnenbrief von «der Machtbefugnis gewisser Kreise» schwafelt. Gewisse Kreise? Eingeweihte Leserinnen wissen, wer gemeint ist.

Der Reporter tut sich gelegentlich die Pein an, esoterische Messen zu besuchen. Er macht dabei ein sehr ernstes Gesicht, um seine Fassungslosigkeit vor so viel fleissig angelernter Einfältigkeit zu verbergen. An der Luzerner «esoterik - Messe und Kongress für Esoterik, Bewusstsein, Gesundheit» vom November 1995 beispielsweise setzte er sich in ein «Sonderseminar» mit dem Titel «Ab heute leben wir im Paradies», gehalten von Bernadette und Christoph Greiner, beide Mitglieder der Universalen Kirche. Gerade in jenen Tagen war der antisemitische Rundbrief des Sektenoberhauptes Peter Leach-Lewis («die Juden in ihrer satanischen Gier haben den 2. Weltkrieg angezettelt») bekannt geworden. Weder den Organisatoren noch den übrigen Messeteilnehmern schien eine öffentliche Distanzierung angebracht. Die Greiners enthielten sich immerhin antisemitischer Bemerkungen. Mindestens so lange der Reporter dem Platituden-Stuss zuhörte.

Ende November 1998 fährt der Reporter nach Basel, an die «16. Psi-Tage - Weltkongress für Geistiges Heilen». Er besucht die Begleitausstellung, gemäss Katalog «eine ausgezeichnete Gelegenheit für Kongressbesucher und weiteres Publikum, sich mit den einschlägigen Angeboten vertraut zu machen». Der Reporter schlendert durch die Gänge, ein Duftöl hier, eine Duftkerze dort. So süsslich werden seine Nasenschleimhäute selten belästigt. Er betrachtet Angebote für Reiki-Behandlungen, Tarot-Wahrsagereien, Pyramidensterne, Chakra-Ausgleich und Chakra-Aktivierung, Rebirthing, Hellsehen, Kartenlegen, Engelkontakte und Aura-Fotografien. Am Stand 421 verkauft X. (Name gestrichen, 22. Mai 2008), «Silber- und vergoldeten Symbolschmuck» (Aussstellungskatalog), daneben offeriert sie viele verschiedene Nummern der Zeitschrift ZEITENSCHRIFT, dazu wenige Bücher, darunter Alfred Pitz Die neue Zellphysiologie des Krebses. Die Standbetreuerin behauptet, sie kenne die Herkunft der Bücher und Zeitschriften nicht. Auch die antisemitische Universale Kirche will sie nicht kennen, obwohl Zeitschrift wie Bücher aus deren Umfeld stammen. Geheimnistuerei zählt zu den szene-üblichen Verhaltensweisen. «Ufos, schwarze Löcher, Frequenzbarriere. Info gegen Freiumschlag» wirbt im Sommer 1998 ein Kleininserat in der WELTWOCHE. Als Anschrift ist ein Postfach in im Berner Seeländer Dorf Aegerten angegeben. Dahinter verbirgt sich die Sekte Quelle der Weisheit (QDW), die sich auch Project Apocalypse Now (PAN) nennt und, so die Eigeneinschätzung, «für idealistische, intelektuelle, reinrassige, weisse Arier» publiziert. Farbige Rassen seien, so steht auf einer PAN-Internet-Seite, «degenerierte Reagenzmutanten». Unverblümt rassistisches Gedankengut also und selbstverständlich war der militärische Sieg über das Dritte Reich eine Besetzung Deutschlands durch den «Agressor». Doch als Kurt Leuenberger, der Verantwortliche der Schweizer QDW-Kontaktadresse, von einem Journalisten des BIELER TAGBLATTES über den rassistischen Zusammenhang befragt wird, behauptet Leuenberger, er sei «kein Rassist». Er habe sich «einfach immer stark für Esoterik, Ufos und Ernährung interessiert».

Esoterischer Zuspruch für Verschwörungsphantasien
Im vielfältigen und unübersichtlichen esoterischen Angebot kommen und gehen die Wellen wie am Ufer des Ganges. Esoterischen Zuspruch erhielten in den vergangenen Jahren besonders Verschwörungsphantasien. (Von Verschwörungsteorien zu schreiben, verbietet die intellektuelle Redlichkeit, da Theorien doch mindestens einen Grundstock überprüfter und einleuchtender Behauptungen enthalten müssen.) In der Schweiz demonstrierte die Zeitschrift ZEITENSCHRIFT exemplarisch die Symbiose von Verschwörungsphantasien, Antisemitismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. ZEITENSCHRIFT-Mitherausgeberin Ursula Seiler-Spielmann hatte bereits einmal im Januar 1988, damals noch unverheiratet, im JOURNAL FRANZ WEBER die Apokalypse angekündigt. Jesus werde mit Hunderttausenden von Raumschiffen wiederkommen und alle Menschen, die guten Willens seien, in den Kosmos evakuieren. Besonders häufig gelesen wurde der Spielmannsche Text in Dozwil und Umgebung. Bald datierte Paul Kuhn, Gründer der St. Michael-Vvereinigung, den Weltuntergang auf den Muttertag 1988. Nach ausdauerender Boulevardblatt-Hetze randalierten in Dozwil Dutzende gegen die St. Michaels-Vereinigung. Esoterisches Geschwafel mit sinnlichen Folgen: Die Thurgauer Kantonspolizei kam zum ersten Tränengaseinsatz ihrer Geschichte.

Ursula Seiler-Spielmann, wir ihr Ehemann Mitglieder der Universalen Kirche, kann ihre Tinte weiterhin nicht halten. Zwanzig Nummern von ZEITENSCHRIFT sind inzwischen erschienen. Im November 1993 behauptet sie, die Welt sei hohl und im Erdinnern bewohnt. Was auf den ersten Blick als phantasievolle Einfalt erscheint, verliert seine politische Unschuld, sobald man weiss, wer sich dahin geflüchtet haben soll: Deutsche Nazis samt ihren famosen Flugscheiben. Der Hohle-Welt-Theorie folgte folgerichtig im Sommer 1994 die Relativierung des Nationalsozialismus: «Das heutige Bild, das der ganzen Welt von den Nazis präsentiert wird, ist eben nur die halbe Wahrheit. Die Nazis benutzten ursprünglich wahres Gedankengut, um eine menschenfeindliche Monstrosität daraus zu machen. Sie gingen von hohem geistigem Geheimwissen aus, um es schwarzmagisch zu missbrauchen.» Das «hohe geistige Geheimwissen» soll die rassistische und antisemitische Thule-Gesellschaft gehabt haben, die 1918 gegründet wurde, «um die zionistische Verschwörung zu bannen».

Die Thule-Gesellschaft stützt sich ideologisch auf die Ariosophie, die vom österreichischen Esoteriker Adolf Josef Lanz alias Jörg Lanz von Liebenfels entwickelt wurde und den Germanen eine gottähnliche Abstammung zusprach, andere «Rassen» (Schwarze und Juden) jedoch für nicht kulturfähig erachtete. Die Ariosophie war ideologische Vorreiterin des nationalsozialistischen Staates, insbesondere aber der Waffen-SS.

Braune Bücher im ZeitenSchrift-Angebot
Selbstverständlich bestreitet Ursula Seiler-Spielmann den Willen zur «Weisswaschung des Naziregimes», unverkennbar antisemitisch jedoch die Anspielung auf die «Grosse Zionistische Verschwörung», welche für die Ermordung der Zarenfamilie verantwortlich sei. Auch offerierte ZEITENSCHRIFT zwei Bücher des Österreichers Wilhelm Landig, eines bekannten Vertreters brauner Esoterik, einst auch SS-Mitglied. Die ZEITENSCHRIFT-Ankündigung erhellt sogar den politischen Gehalt: «Das Buch schildert den Entzug deutscher Gross U-Boote vor alliertem Zugriff zum letzten Stützpunkt in der Antarktis. Die heimliche Anlage eines Andenstützpunktes, politische Fakten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Hintergründe vom Nürnberger Tribunal und weitere brisante politische Tatsachen verleihen auch diesem bewusst in Romanform geschriebenen Band ein breites Spannungsfeld. Das Buch nimmt auch Bezug auf die Pläne hintergründiger Kräfte auf die Errichtung einer Weltregierung.» Hintergründige Kräfte? Eingeweihte Leser wissen, wer gemeint ist. Verschwörungsphantastisch erklärt Ursula Seiler-Spielmann auch AIDS, die Verbreitung der Krankheit sei «vom politischen Komitee der Bilderberger-Gruppe» angeordnet worden.

Landigs braune Phantasien mäanderten auch in die Schweiz. Norbert Jürgen Ratthofer, ein Landig nahestehender Ufogläubiger, trat im Februar 1996 in Zürich am Ufo-Weltkongress auf und präsentierte ein von ihm mitproduziertes Video, das es mit den historischen Fakten nicht so genau nimmt und den Nationalsozialismus verharmlost. Genau an jenem «Weltkongress» war am Stand der Nürnberger Buchhandlung Andromeda Jan van Helsings Machwerk Geheimgesellschaften beschlagnahmt worden. Der Reporter hatte lebhafte Diskussionen mitverfolgen können. Grundtenor: Das Buch habe einen wahren Kern. Mindestens. ZEITENSCHRIFT wird von den publizierenden Verschwörungsphantasten gern zitiert. Nicht nur von Jan van Helsing, sondern auch von Jo Conrad, der in ZEITENSCHRIFT bereits als Autor aufgetreten ist. Letzterer, Verfasser mehrerer einschlägiger Verschwörungsphantasien, liefert, so Gugenberger/ Petri/ Schweidlenka (1998), neben der Nürnberger Buchhandlung Andromeda «den Beweis der Vernetzung der rechtsextremen Esoterikszene mit politischen Rechtsextremisten».

Van Helsing: Ideologischer Kern unverändert
Von van Helsing geht nach den Beschlagnahmungen und Strafverfahren das Gerücht, dass er vorsichtiger geworden und zu seinen esoterischen Wurzeln zurückgekehrt sei. Tatsache ist, dass der ideologische Kern unverändert blieb. In seinem 1998 erschienenen Buch Die innere Welt. Das Geheimnis der Schwarzen Sonne behauptet er, «das Projekt 'Drittes Reich'» hatte einen guten Kern, bis um 1941 «die guten Aspekte schwanden und die negativen Kräfte die Oberhand über führende Personen gewannen». Wer die negativen Kräfte gewesen waren, erläutert van Helsing nicht. Adolf Hitler war es nicht, denn der habe Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs lebend verlassen, sei sowieso «auch ein Idealist» gewesen und habe «fest an ein deutsches Utopia» geglaubt. «Ungeachtet des geringen Ansehens, das Hitler bei einigen Generälen genoss, war er sich der Verehrung der breiten Masse des deutschen Volkes vollkommen sicher. Sein Image als vertrauenswürdiger Führer wurde niemals ernsthaft in Frage gestellt.» Hitler sei, so van Helsing, erst im Oktober 1974 verstorben, sein Sohn Adolf Junior habe die Macht übertragen erhalten. Kurz und ungut: In der Hohlwelt erleben die «Neu-Deutschen» ein «Goldenes Zeitalter». Die Regierung der USA hingegen sei «ein williges Werkzeug der Illuminati». «Alles steuert gezielt auf die Neue Weltordnung zu und die Etablierung eines Sklavenstaates, und den zu dessen Einführung notwendigen Dritten Weltkrieg.» «Illuminati» gilt heute als Codewort für «jüdische Weltverschwörung».

Van Helsing mäandriert gerne im esoterischen Sumpf. In seinem Bestseller Geheimgesellschaften empfiehlt er auch ein Büchlein aus Ostermundigen, Aufruf an die Erdenbewohner, verfasst von Walter und Theres Gauch-Keller. Das Ehepaar ist inzwischen dick ins esoterische Geschäft eingestiegen. Seit Ende August 1997 führen sie im Sous-Sol eines gesichtslosen Einkaufszentrums in Ostermundigen den Buchhandel & Buchversand Gauch-Keller. Im Bücherregal eine Abteilung «Geheimpolitik». Wie in ihren Prospekten offerieren Gauch-Keller mehrere «Klassiker» antisemitischer Verschwörungsphantasien. Allem Braunen voran: Des Griffin Wer regiert die Welt?, das in seinem Anhang den übelsten aller antisemitischen Texte enthält: Die Protokolle der Weisen von Zion. Im Berner Prozess von 1935 gegen die Protokolle hatte Gerichtspräsident Meyer zu Recht befunden: «Ich hoffe, die Zeit wird kommen, in der kein Mensch mehr begreifen wird, wieso sich im Jahre 1935 beinahe ein Dutzend sonst ganz gescheiter, gesunder und vernünftiger Leute 14 Tage lang vor einem Bernischen Gericht über die Echtheit dieser sogenannten Protokolle die Köpfe zerbrechen konnten, dieser Protokolle, die bei allem Schaden, den sie bereits gestiftet haben und noch stiften werden, doch nichts anderes sind als ein lächerlicher Unsinn.»

Immer wieder die Protokolle
Aber auch der eindeutige Nachweis der Fälschung hat die Verbreiter der Protokolle nicht vor weiteren Aktivitäten abgehalten. Gauch-Keller verkaufen auch beide Bände von Gary Allens Die Insider, in dem er ebenso verlogen wie phantastisch die Weltherrschaft der Rockefellers behauptet. Weiter beide Bände von Dieter Rüggebergs Geheimpolitik. «Der rote Faden ist, stärker und aggressiver noch als bei Helsing, die Rehabilitierung der Protokolle der Weisen von Zion als realer Plan, als praktizierendes 'Programm der Weltrevolution'. Hält sich der Autor im ersten Teil noch ein wenig zurück, so macht er im zweiten aus seiner verhaltenen bis offenen antisemitischen, antifreimaurerischen und antidemokratischen Gesinnung kein Hehl», so Gugenberger/Petri/Schweidlenka (1998) in ihrer Studie Weltverschwörungstheorien. Eine ähnliche Beurteilung erhält ein weiteres Gauch-Kellersches Angebot: I. M. Maiski Wer half Hitler?. Es sei ein «obskures, revisionistisches Werk, das behauptet, dass Adolf Hitler Agent einer US-amerikanischen Freimaurerloge gewesen sei». Auch Videos führen Gauch-Keller. Beispielsweise UFO - Geheimnisse des Dritten Reiches von Norbert-Jürgen Ratthofer.

Fazit Der esoterische Markt ist immens und - so scheint dem Reporter - häufig von akkumulierter Dummheit. Ein Tummelfeld für allerlei Sinnhubers, die es selbstverständlich nur gut meinen. Meist abgehoben parlierend, doch unkritisch gegenüber rassistischen, antisemitischen, auch nazistischen Ideologiefragmenten. Zwar ist der rechtsextremistisch inspirierte Anteil innerhalb des riesigen Esoterik-Marktes gering, noch geringer ist allerdings der Anteil jener Esoterikerinnen und Esoteriker, die sich öffentlich und vorbehaltlos von antisemitischem, rassistischem oder naziverharmlosendem Gedankengut abgrenzen. Der Schlaf der Vernunft gebiert eben doch Ungeheuer.

Glossar
Ariosophie

Vom österreichischen Mystiker und Esoteriker Adolf Josef Lanz (1874-1954) alias Jörg Lanz von Liebenfels, um die Jahrhundertwende gegründete «Lehre», welche den Germanen (Arier) die Abstammung von einem untergegangenen prähistorischen Gottmenschen unterschiebt. Andere «Rassen» (bsp. Schwarze und Juden) betrachtet er als kulturunfähig und als geborene Widersacher jeder «echten», das heisst «arischen Kultur». Ziel und Zweck der Ariosophie ist die Wiedererschaffung des Ariers durch Rückzüchtung. Unmissverständlich politisch seine Forderung: «Der Erdball war und ist Germaniens Kolonie».

Braune Esoterik
Oberbegriff für alle esoterischen Strömungen, welche ideologische Elemente des Nationalsozialismus aufnehmen oder den Nationalsozialismus rechtfertigen bzw. verharmlosen oder die deutsche Kriegsschuld verneinen bzw. relativieren.

Hohle-Welt-Theorie
Vorstellung, wonach die Erde in der Nähe der Antarktis ein Loch habe, wodurch man ins bewohnte Erdinneren gelangen könne. Gelegentlich verbunden mit der Vorstellung, dass im Frühling/Sommer 1945 Gruppen von deutschen Nazis die Flucht ins Erdinneren bzw. nach Neuschwabenland gelang, wo sie die Rückeroberung vorbereiten. Die Nazis sollen dabei technisch hochentwickelte Flugscheiben (UFOs) mitgenommen haben. (Das erkläre, weshalb UFOs erst seit Ende des Zweiten Weltkrieges in grosser Zahl erscheinen).

van Helsing, Jan bzw. Jan Udo Holey
Autor des Bestsellers Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert. Von den beiden Bänden wurden im deutschsprachigen Raum über 100'000 Exemplare verkauft. Das Werk nimmt viele geläufige esoterische Vorstellungen auf, so die Hohle-Welt-Theorie und den Ufo-Glauben, auch beruft sich der Autor auf die Protokolle der Weisen von Zion.

Illuminati
Der Geheime Orden der Bayerischen Illuminaten soll um 1770 von Adam Weishaupt im Auftrag von Mayer Anselm Rothschild gegründet worden sein, um die bereits bestehenden Freimaurerlogen zu infiltrieren, um die Kontrolle über sie zu erlangen. Illuminati ist heute - in den einschlägigen Kreisen - ein Codewort für «Jüdische Weltverschwörung».

Neuheidentum
Glaube an vorchristlich-germanische Gottheiten. Gelegentlich verbunden mit antisemitisch inspirierter Kritik am Christentum. Die Mythologisierungen des Neuheidentums stützen sich entweder auf germanische Sagen oder auf keltische Vorstellungen. Aktivisten neuheidnischer Gruppierungen bewegen sich häufig auch in rechtsextremen Zusammenhängen.

Protokolle der Weisen von Zion
Von russischen Antisemiten um 1900 veröffentlichte Schrift, die den jüdischen Plan zur Einsetzung einer geheimen Weltregierung enthalten soll. Offensichtliche Vorlage für die Protokolle ist das 1864 erschienene Buch Ein Streit in der Hölle, verfasst von Maurice Joly. Die deutschen Nationalsozialisten verbreiteten die Protokolle in grosser Auflage.

Psychophysiognomik (auch Physiognomik)
Deutung des menschlichen Charakters aus den Linien und Formen des Körpers, speziell des Gesichtes. Erstmals bereits Ende des 18. Jahrhunderts von J. C. Lavater entwickelt. Problematisch ist die feste Zuschreibung von Charaktereigenschaften aufgrund von Äusserlichkeiten, wie auch - mindestens bis vor kurzem - die Verwendung von Gruppenbezeichungen (z. B.«arabische» bzw. «jüdische» Nase) mit entsprechender Zuschreibung von Charaktereigenschaften.

Thule-Gesellschaft
1918 von Rudolf von Sebottendorf, alias Adam Alfred Rudolf Glauern, in München gegründeter militant antisemitischer Orden, der sich aktiv bei der Bekämpfung der Münchner Räterepublik beteiligte. Die Thule-Gesellschaft wird von braunen Esoterikern häufig als geistige Vorgängerin der NSDAP idealisiert. Die Thulaner vertreten die Ariosophie. Thule: Der Begriff «Thule» bezieht sich heute auf Ultima Thule, das mythologische Land des Nordens, das als Urheimat der Germanen angesehen wird (siehe Ariosophie).

Hans Stutz
Tangram. Bulletin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, 1. Oktober 1999
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