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Alte Geschichten neu erzählt

Zürich, Samstagnachmittag vergangener Woche. Kundgebung jener Männer und Frauen, die meinen der Corona-Virus gebe es nicht oder andernfalls sei er nicht gefährlicher als ein Grippevirus. Einige sehen sich als „Corona-Rebellen“, andere als „Querdenker“, nochmals andere als besorgte Zeitgenossen. So wie auch bei Demonstrationen in Berlin, Stuttgart oder vielen anderen Städten. Die Demonstrierenden beanspruchen Meinungsäusserungsfreiheit und pfeifen und schreien gegen alle, die ihre Meinung nicht teilen, besonders heftig gegen Medienschaffende. Viele schelten sie als „Volksverräter“, andere halten ihnen ihre Mitarbeit an der „Lügenpresse“ vor.

Unter den Zürcher Kundgebungsteilnehmern auch ein Fahnenträger, dessen Stoffstück einzig den Buchstaben „Q“ zeigt. Der Mann outet sich damit als Anhänger der „QAnon“-Bewegung. Diese „rechte Verschwörungsideologie“ sei, so schreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in seiner aktuellen Titelgeschichte, die „gefährlichste Bewegung unserer Zeit“. Es sei „die erste Ideologie, die aus dem digitalen Raum“ stamme und „sich von einer Nische im Netz ins wirkliche, reale Leben“ vorgearbeitet habe.

Nur wer ist „QAnon“? Und stimmt diese Einschätzung? Die Bewegung kam aus dem digitalen Nichts und vieles ist noch unklar. Unklar ist, ob die „QAnon“-Meldungen von einer Person oder von mehreren Personen verfasst wurden. Klar ist: Die erste Botschaft erschien im Oktober 2017, inzwischen sind es über 4600 Texte. Der anonyme Verfasser „Q“ behauptet, sein Wissen stütze sich auf Quellen in der Trump-Administration. Er wisse daher, dass eine einflussreiche und reiche Clique von Kinderschändern Mädchen und Knaben entführen würden, um aus ihrem Blut eine Substanz zu gewinnen, die Leben verlängere. Doch US-Präsident Donald Trump stelle sich dem „deep state“ entgegen.

Auch für die Corona-Pandemie erfand „QAnon“ eine wüste Geschichte. Der Virus sei in einem chinesischen Labor erfunden worden, um US-Präsident Trump zu schaden.

Eine Verschwörungstheorie also? Von Verschwörungstheorien zu schreiben, verbietet die intellektuelle Redlichkeit, da Theorien einen Grundstock überprüfter und einleuchtender Behauptungen enthalten müssten. Verschwörungsideologien also? Geht man davon aus, dass Ideologien ausformulierte Leitbilder für gesellschaftliche und politische Ordnungen sind, dann ist auch die  „QAnon“-Geschichte zu schmalbrüstig. Zutreffender wären Begriffe wie Verschwörungserzählung oder -legende. Gemeinsam ist diesen Geschichten, dass Erzähler bereits bekannte Geschichten aufnehmen, um sie zeitgenössisch weiter zu spinnen. Die QAnon-Kinderschänder-Legende erinnert an die Ritualmord-Vorwurf, der sich in der europäischen Geschichte häufig gegen „die Juden“ wandte.

Auch der Figur des anonymen Verfassers, die ihre Insiderkenntnisse weitergibt, taucht immer wieder auf. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ geben vor, Protokolle des Basler Zionistenkongresses zu sein. Viele Geschichten von „Illuminati“ oder Freimauern – ob jüdisch oder nicht - beruhen auf anonymen ‚Geständnissen‘ ehemaliger „Hochgradfreimaurern“.

Klar ist auch, Antisemitismus und Freimaurer-Feindschaft fanden Anklang - wider die Werte der Aufklärung und den Errungenschaften der Französischen Revolution - bei Anhängern der „Gegenaufklärung“, die um ihre Privilegien fürchteten. Besonders anfällig – bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil – die römisch-katholische Kurie. Liberale Gesellschaften, geprägt von mündigen und selbstbewussten Bürgern, sind christlichen Traditionalisten noch heute suspekt.

In der europäischen Gesellschaften verloren die Kirchen zwar Mitglieder und Einfluss, entstanden sie aber esoterische Strömungen, teils begeistert von gegenaufklärerischen Ideen.  Im vielfältigen und unübersichtlichen esoterischen Angebot kommen und gehen die Wellen zwar wie am Ufer des Ganges. Aber der Strom fliesst immerdar. Bereits in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre erhielten in diesen Zirkeln Verschwörungslegenden verbreitet Zuspruch. Der damalige Star verbarg sich hinter dem Pseudonym „Jan van Helsing“. Sein Buch „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ erreichte eine deutschsprachige Auflage von über 100‘000 Exemplaren. Er verband die alte antisemitische Mär einer geheimen jüdischen Weltregierung mit der Hohle-Welt-Mär, wonach Adolf Hitler und einige Tausend Nationalsozialisten sich nach „Neuschwabenland“ im Innern der Erdkugel hätten zurückziehen können. Das Dritte Reich also unbesiegt weiter bestände. Tröstlich: Jan von Helsings Ergüsse sind heute aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden. Auch bei Esoterikern. Heute wollen sich viele von ihnen nicht von der „QAnon“-Erzählung abgrenzen, oder sie halten sie – ganz oder teilweise – für wahr.

Fazit: Der Virus wird länger wirken als die bewegten Corona-Leugner & -Skeptiker öffentlich auftreten werden. Die „QAnon“-Legenden werden allmählich aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden, bis sie – aus heute noch unbekannten Motiven - weitergesponnen werden. Bleiben werden jene gesellschaftlichen Milieus, die mit Verschwörungslegenden – wider die Ungerechtigkeiten und Widersprüche der modernen Welt – ihre Machtansprüche verteidigen wollen.

Hans Stutz
Tachles, 25. September 2020
Alle Rechte beim Verfasser.