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Glatzen auf dem Rütli. Viel Aufregung, wenig Erkenntnis

«Die Schande vom Rütli» titelte die Deutschschweizer Boulevard-Zeitung «Blick» vergangene Woche wie gewohnt grobklotzig. Noch vor wenigen Wochen hatte das Blatt eine «Geschichte» publiziert, die nur aufgrund einer antisemitischen Verallgemeinerung (ein Jude=jüdische Kreise) funktionierte, nun mobilisierte Ringiers Geldmaschine gegen die «Neonazis».

Eine Änderung der politischen Haltung ist das nicht. Auflagenfixierte Opportunisten winden sich eben nach allen Seiten. Fakt ist: Im vergangenen Jahr hatten auch rund siebzig bis achtzig Skinheads auf dem Rütli an der Erst-August-Feier teilgenommen. Bei politisch missliebigen Äusserungen des Festredners hatten sie sich lautstark bemerkbar und beim Absingen der Landeshymne die Hand zum Hitlergruss oder zu anderen rechtsextremen Handzeichen gehoben. Aber eben, der Redner war kein Bundesrat, die Zeitungen begnügten sich im vergangenen Jahr - wenn überhaupt - mit Kurzmeldungen. In diesem Jahr brachte Kaspar Villiger (FDP) seine Rede gekonnt über die Runden, um dann gegenüber der «Rundschau» von SF DRS seine Ignoranz gegenüber rechtsextremistischen Skinheads zu dokumentieren: «Ich kenne diese Leute nicht, ich weiss nicht, was sie politisch wollen. Der Hintergrund würde mich sogar interessieren.»

Diese Aussage, die ein Mitglied der Landesregierung eigentlich sofort ins politische Abseits bringen müsste, blieb vorerst für Tage unkommentiert, obwohl das Thema «Neonazis und Skinheads» bereits ein medialer Selbstläufer geworden war. Der diesjährige Glatzen-Auftritt auf dem Rütli empörte ja nicht nur Linke und viele Bürgerliche, sondern auch nationalistische Patrioten, die sonst nichts gegen rassistische Tiraden einwenden, aber «in diesem stillen Gelände am See» ein Symbol der Unabhängigkeit sehen.

Der «Blick» hatte also den Ball geworfen und auf einmal wollten alle Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehstationen über Rechtsextremismus berichten. Auch wenn sie sonst das Thema rechts liegen lassen. Bei mir häufen sich die Anrufe. Immer die gleichen Fragen. Offenbar unvermeidlich auch der Anruf einer Journalistin, die offenbar wenig sachdienliches Wissen, aber eine unverrückbare These hat: Neonazis sind öffentlichkeitsgierig und folglich wünschen sie sich eine breite Beachtung durch die Medien. Zwar war die Journalistin auf dem Rütli und hatte dort beobachtet: «Der Kameramann eines Lokalsenders wurde mit bösen Sprüchen und Bier beworfen. Ein weiterer räumte kampflos das Feld, nachdem ihm ein junger Mann gedroht hatte 'nimm Kamera wäg, suscht flüügsch in See'. Feige seien die, raunten daraufhin die Leute. 'Dass die sich nicht getrauen ins Fernsehen zu kommen, so wie die sich aufführen'.» Ob man denn einfach schweigen solle, wenn missliebige Menschen (Linke, Farbige, Ausländer aus einigen Ländern, Schwule) bedroht oder angegriffen werden, erwidere ich. Tage später veröffentlicht die Journalistin ihren Text und behauptet, es sei vergessen worden, «dass die Rechtsradikalen bewusst den legalen Spielraum ausnützen und die ereignisbezogene Publizität als Propaganda missbrauchen». Den Beweis für ihre Behauptung bleibt sie schuldig. Aber lassen wir das.

Fakt aber auch ist: Die mediale Aufgeregtheit der letzten Tage war auf jeden Fall weder erkenntnisfördernd, noch vom Willen nach Aufklärung angetrieben. Offen bleibt noch die Frage: Wie der «Blick» reagiert hätte, wenn die Naziglatzen einem Bundesrat an der Bundesfeier in Möhlin ins Wort gefallen wären. Ist «Die Schande von Möhlin» eine nationale Blick-Schlagzeile? Einen Anlass hätte es ja gegeben! Wenn auch in einem anderen Zusammenhang! Mitte Juli wollte eine 19-jährige Frau, immer noch Lehrling, aber bereits Autofahrerin und eingebunden in einer Clique von Rechtsextremisten, eine Asylbewerberunterkunft anzünden. Die Bewohner bemerkten rechtzeitig den Benzingeruch und konnten so die Tat verhindern. Nach der Aufklärung druckten viele Medien unkommentiert die ebenso unzutreffenden wie ausländerfeindlichen Aussagen der Täterin ab: Sie sei frustriert darüber gewesen, dass sie sich als Lehrling ihre materiellen Wünsche nur schlecht erfüllen könne, während die Ausländer sich dagegen vom Staat jeden Wunsch erfüllen liessen.

Hans Stutz
Jüdische Rundschau, 10. August 2000
Alle Rechte beim Verfasser.