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Von der Lust am schnellen Vergessen

Am vergangenen Dienstag hielt Bundesrat Kaspar Villiger (FDP) an der jährlichen Rütli-Feier eine Rede zum 1. August. Jemand muss sie ja halten. Auf einem Hügel und folglich gut sichtbar standen wohl hundert Nazi-Skins, vielleicht auch einige mehr.

Sie sind - so berichten Augenzeugen - militärisch geordnet auf die Rütli-Wiese marschiert. Einige Nazi-Skins tragen Schweizer Fahnen, einige tragen am Hosengurt das Keltenkreuz, das einschlägige Zeichen für die Vorherrschaft der weissen Rasse. Einige heben die Hand zum Kühnengruss, gestreckter rechter Arm mit gespreizten Schwurfingern. Die Skins unterbrechen Villigers Rede ein paar Mal durch Grölen und skandieren einen einschlägig bekannten Slogan: "Hier marschiert der nationale Widerstand." Redner Villiger reagiert routiniert auf die Zwischenrufe. Gelernt ist gelernt.

Drohend bis gewalttätig
Von der Rundschau von SF DRS zu den Zwischenrufern befragt, meint Villiger: "Ich kenne diese Leute nicht, ich weiss nicht, was sie politisch wollen." Wirklich, Herr Bundesrat, Sie wissen nicht, was Skins politisch wollen? Wie ignorant gegenüber der politischen Entwicklung in diesem Land kann ein Bundesrat sein? Zwar ist Rechtsextremismus in der Schweiz zum Glück noch eine marginale gesellschaftliche Strömung. Aber die Szene wächst und macht sich bemerkbar. Gelegentlich drohend, gelegentlich gewalttätig. Kaum dreihundert Meter vom Bundeshaus entfernt, schossen am 10. Juli 2000 zwei Berner Rechtsextremisten mit Sturmgewehren rund neunzig Schüsse auf ein besetztes Haus. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Gewohnt grobklotzig titelt die Boulevard-Zeitung am Tage nach der Rütli-Rede: "Die Schande vom Rütli." Folglich erhält auch Adolf Ogi einen Auftritt. Er findet klare Worte: "Es ist degoutant, dass Rechtsradikale auf unserem Rütli eine Bundesratsrede stören durften." Gehen wir einmal davon aus, dass Ogi sich nicht nur deshalb empört, weil Rechtsextremisten eine Bundesratsrede auf unserem Rütli gestört haben, sondern weil Schweizer Nazis lautstark aufgetreten sind. Ist Ogi also ein Herold des antifaschistischen Widerstandes? Wohl kaum, der zweite Satz evoziert bereits wieder jene Schweiz, die sich vorschnell von rechtsextremistischen - wie übrigens auch rassistischen - Strömungen freispricht: "Auf der Rütli-Wiese hielt während der Nazi-Zeit General Guisan seinen historischen Rütli-Rapport mit der obersten Armeeführung. Es war eine Demonstration des schweizerischen Wehrwillens gegen Nazismus und Faschismus in Europa." Aber wie war es denn mit Bundesrat Giuseppe Mottas Bewunderung für Mussolini? Wie war es mit den höchst Nazi-freundlichen hohen Offizieren um Oberstkorpskommandant Ulrich Wille? Und wie war es mit der bundesrätlichen Anpasser-Rede wenige Wochen vor Guisans Rapport?

Die offizielle Schweiz hat sich nach Kriegsende die Gnade des schnellen Vergessens gewährt. Gelegentlich auch das Vergnügen des voreiligen Freispruches - anno 1978 beispielsweise der Tabakindustrielle Kaspar Villiger, als er die Geschichte seiner Firma schreiben liess. Dort musste man lesen, dass die einstigen Inhaber der Firma Villiger nach 1932 in Deutschland die Geschäftstätigkeit nach und nach reduziert hätten und dass diese in Nazi-Deutschland unerwünschte Personen gewesen seien. Die Forschung hat inzwischen gezeigt, wie haltlos beide Behauptungen sind. Und in den kommenden Wochen wird die Firma Villiger & Söhne öffentlich machen müssen, ob sie in ihren Fabriken in Nazi-Deutschland Zwangsarbeiterinnen oder Zwangsarbeiter beschäftigt hatte oder nicht.

Schon fast eine Tradition
Der "Rundschau"-Beitrag lieferte übrigens noch ein weiteres Beispiel für die behördliche Lust am schnellen Vergessen. Der Urner Polizeikommandant Reto Habermacher erklärte: "Letztes Jahr waren es etwa zehn bis zwanzig aus dieser Szene. Diesmal sind es über 100." Ein Blick ins Archiv zeigt ein anderes Bild. Rütli, 1. August 1999: siebzig bis achtzig Skinheads. Bei politisch missliebigen Äusserungen des Festredners machen sie sich lautstark bemerkbar. Beim Singen der Landeshymne heben sie die Hand zum Hitlergruss oder zu anderen rechtsextremen Handzeichen. Auch in den Jahren zuvor treten an der Rütli-Feier Rechtsextremisten auf. 1997 und 1998 interveniert die Polizei an den Feiern gegen die Skins. 1996 stören drei jugendliche Skins die Bundesfeier mit dem Kühnengruss. Ein älterer Zuschauer verwahrt sich handgreiflich gegen die provokative Geste. Die anwesenden Urner Kantonspolizisten bezichtigen den Erbosten der Überreaktion und unterlassen es, die Identität der Glatzen festzustellen. Spätere Recherchen ergeben, dass die Skins aus dem Grossraum Zürich stammen und einer von ihnen an massiven Angriffen auf Asylbewerber und Linke beteiligt war. Zum Beispiel Mitte Oktober 1995, als er zusammen mit einem Kameraden einen Tamilen, der auf das Tram wartet, bewusstlos schlägt. Die Zürcher Stadtpolizei verzichtete damals darauf, diese rassistische Tat in ihr regelmässiges Mediencommuniqué aufzunehmen. Die Tat wird erst zwei Jahre später durch die Gerichtsverhandlung bekannt.

Fazit: Einmal ist es die Lust am schnellen Vergessen, ein anderes Mal das Vergnügen des voreiligen Freispruches und das dritte Mal simples Verschweigen. Die rechtsextreme Gefahr - wie gross man sie auch immer einschätzt - erfordert jedoch das Gegenteil, nämlich genaues Hinsehen. Auch von einem Bundesrat.

Hans Stutz
Tages-Anzeiger, 5. August 2000
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